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„Kirchenmusik ist Seelsorge“

„Kirchenmusik ist Seelsorge“

In Wuppertal gibt es noch fünf festangestellte Kantoren in evangelischen Kirchen. Kirchenmusikdirektor Jens-Peter Enk ist sicher, dass es bald wieder mehr Stellen gibt — allerdings fehlt es an Nachwuchs.

Wuppertal. Eine hohe Musikalität, die Bereitschaft zur Seelsorge, aber auch Demut sind Eigenschaften, die ein Kantor unbedingt mitbringen sollte. Davon ist Jens-Peter Enk überzeugt, der kürzlich zum Kirchenmusikdirektor (KMD) ernannt wurde. Der 45-Jährige ist seit mehr als fünf Jahren in der evangelischen Gemeinde Unterbarmen mit einer halben Stelle als A-Kirchenmusiker tätig.

Er gehört zu den verbliebenen fünf festangestellten Wuppertaler Kantoren der evangelischen Kirche im Rheinland. Vor 15 Jahren waren es noch fast viermal so viele. Nach Einschätzung von Jens-Peter Enk, der außerdem die Arbeitsstelle „Kirchenmusik“ im Zentrum Gemeinde und Kirchenentwicklung in Wuppertal“ leitet, wird es bald wieder mehr Festanstellungen von A- und B-Musikern geben.

Denn die durch Fusionen gebildeten Großgemeinden würden wieder Geld in Kirchenmusik investieren, da sie deren Bedeutung für das soziale Miteinander in den Wohngebieten erkennen würden. Doch diese Positionen zu besetzen, wird schwer: Denn pro Semester schließen in NRW nur rund sechs Personen das anspruchsvolle Studium ab.

Hanna Göpfert studiert evangelische Kirchenmusik in Köln und absolviert ein Praktikum in Unterbarmen. In ihrem Semester ist sie die einzige Studentin. „Man muss extrem gute Vorkenntnisse mitbringen“, sagt sie. Sehr gute Kenntnisse in Orgel, Klavier, Gesang, Dirigat und Gehörbildung müssten Bewerber für einen Studienplatz vorweisen. „Man muss musikalisch ausgebildet sein, bevor man überhaupt studieren kann“, sagt Göpfert.

Das Studium bringe ihr dennoch viel, denn jetzt lerne sie, ihr Wissen auch weiterzugeben. Im Praktikum kümmert sie sich unter anderem um den Projektchor in Unterbarmen. Dabei stellt sie fest, dass es anspruchsvoll ist, unterschiedliche Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in Einklang zu bringen. Das gemeinsame Singen mache es den Teilnehmenden aber einfach, miteinander in Kontakt zu treten.

Brücken zu schlagen in die Nachbarschaft, sieht Jens-Peter Enk als eine der Hauptaufgaben der Kirchenmusik. Das Ziel eines Kantors müsse sein, Freude zu bereiten und Menschen den Weg in die Kirche und damit in eine Gemeinschaft zu ebnen. Dazu sollen nach Enks Meinung auch die Konzerte beitragen, die die Musiker innerhalb und außerhalb ihrer Gemeinde geben.

Hinzukommen sollte seiner Ansicht nach die Arbeit mit Gruppen: „Ein Kantor sollte schon mit Kindern und auch älteren Menschen musizieren, damit sie über die Musik Vertrauen in die Kirche gewinnen.“ Ein Kirchenmusiker sei quasi eine öffentliche Person, die die Gemeinde repräsentiere. Daher reiche es nicht, wenn nur für die Gottesdienste ein Organist bezahlt werde. „Kirchenmusik ist Seelsorge“, stimmt ihm Hanna Göpfert zu. Deshalb sei es bedauerlich, dass manche Gemeinden keinen Kantor beschäftigten.

Die Abschaffung von zahlreichen evangelischen Kantorenstellen führte bundesweit dazu, dass immer weniger junge Menschen Kirchenmusik studierten. Doch nun gebe es ein Problem, weiß Jens-Peter Enk: Gemeinden fänden kaum noch geeignete Bewerber, insbesondere, wenn es um spezialisierte Kantorenstellen ginge. „Immer häufiger werden Pop-Kantoren gesucht.“ Diese würden sich um moderne Musik kümmern und damit vor allem junge Menschen ansprechen.

Die Gemeinden in der Rheinischen Landeskirche entscheiden selbst, welche Ausrichtung ihre Kirchenmusik haben soll, ob der Kantor fest angestellt wird und welche Qualifikation er haben muss. „Das liegt daran, dass sie ihre Finanzen selbst verwalten“, erklärt Enk, der in Wuppertal als einziger evangelischer Kantor eine A-Kirchenmusiker-Stelle hat. „Ein B-Kantor hat vier Jahre studiert, ein A-Kantor sechs Jahre“, erklärt er. Daher seien die Gehälter unterschiedlich. Große Gemeinden würden wieder dazu übergehen, A- und B-Kirchenmusiker einzustellen und Vollzeitverträge anzubieten, hat Enk erfahren. Vielleicht haben sie bald — wie Unterbarmen jetzt schon — jeden Sonntag eine volle Kirche.