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Kinderschutzbund: Es gibt heute mehr überforderte Eltern

Kinderschutzbund: Es gibt heute mehr überforderte Eltern

Im April hat ein Wuppertaler sein Baby zu Tode geschüttelt. Kerstin Holzmann vom Kinderschutzbund spricht darüber, was überforderte Eltern tun können.

Frau Holzmann, der Fall des Vaters, der im April sein Baby tot geschüttelt hat, hat ganz Wuppertal bewegt. Gibt es heute mehr überforderte Eltern als früher?

Kerstin Holzmann: Überforderte Eltern gab es immer schon und wird es auch immer geben. Aber es ist mehr geworden.

Warum?

Holzmann: Ich glaube, dass gerade in Deutschland die kleinen Familien der Grund dafür sind. Da kommt es eher zu Situationen, in denen die Eltern nicht mehr weiter wissen. Babys haben immer schon geschrien, aber es gibt verstärkt isolierte Familien oder Alleinerziehende, die allen Stress mit sich allein ausmachen müssen.

Sie glauben, dass die sozialen Netzwerke nicht mehr so gut funktionieren wie früher?

Holzmann: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Großfamilien, etwa aus der Türkei, einen viel besseren Zusammenhalt haben. Wenn es Probleme gibt, unterstützen sich die Familienmitglieder gegenseitig. Ich glaube, das gibt es bei uns immer weniger — dass etwa die Großeltern vor Ort sind und bei der Pflege helfen. Man besucht sich eher zum Kaffeetrinken, hilft sich aber nicht mehr so praktisch.

Wie ist es dazu gekommen?

Holzmann: Durch den gesellschaftlichen Wandel. Die Familien haben immer weniger Zeit, immer öfter arbeiten beide Elternteile. Da braucht man die Zeit, die man noch hat, eben mehr für sich selbst und die alltäglichen Erledigungen. Hinzu kommt, dass viele wenig Einfluss durch die Großeltern haben wollen. Man will selbstständig sein, sich lösen, alles alleine schaffen. Es ist nicht mehr modern, in großen Familienverbänden zu leben und sich in die Erziehung hineinreden zu lassen.

Gibt es äußere Faktoren, die die Überforderung noch verstärken?

Holzmann: Oft ist Armut im Spiel. Wenn man Probleme im Job oder gar keinen Job hat, führt das oft zu Konflikten mit dem Partner. Und wenn man dann noch ein schreiendes Baby hat, dann wird die Belastung schnell riesengroß.

Wie lernt man denn Erziehung?

Holzmann: In erster Linie durch Nachahmung. Es gibt zwar viele Kurse und Ratgeber, aber die meisten nutzen einfach ihre eigene Erfahrung.

Reicht das denn?

Holzmann: Ich habe zusammen mit Lydia Seidel von Donum Vitae den Kurs „Safe“ durchgeführt. Der beginnt vor der Geburt und reicht ins erste Lebensjahr. Da haben wir den Eltern Tipps gegeben, worauf sie sich einstellen müssen, dass man sich eigentlich selbstverständliche Dinge vorher mal bewusst macht. Ein Beispiel: Sich als Paar vorher überlegen, wie man sich die Arbeit aufteilt. Viele fallen einfach so in die Rollen, weil sie nicht darüber geredet haben.

Wünschen Sie sich, dass alle Eltern vor dem ersten Kind einen Kurs machen?

Holzmann: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir durch den „Safe“-Kurs selber so viele Dinge klar geworden sind, die ich damals gerne gewusst hätte, als ich meine eigenen Kinder bekommen habe. Von daher fände ich es super, wenn man zwei oder drei Veranstaltungen vor der Geburt hätte, bei denen man auf Dinge gestoßen wird, die Eltern wissen müssen und die man eben nicht intuitiv richtig macht.

Was wäre das zum Beispiel?

Holzmann: Etwa, dass ein Baby im ersten Lebensjahr niemals schreit, um die Eltern zu provozieren. Viele Väter oder Mütter, die so ausrasten, haben aber genau diesen Eindruck — dass das Baby sie mit seiner Schreierei nerven will. Das gibt es aber im ersten Lebensjahr nicht. Es geht immer um ein Bedürfnis, das nicht befriedigt ist. Das kann Hunger sein, aber auch einfach nur Langeweile. Niemals aber ist es Provokation.

Das Kind in so einem Moment schreien zu lassen, um es zu erziehen, bringt also nichts?

Holzmann: Nein. Es ist sogar kontraproduktiv, das wissen wir heute aus der Bindungsforschung. Für eine sichere Bindung ist es wichtig, im ersten Lebensjahr sofort auf alles zu reagieren, was das Baby macht. Dadurch wird es nicht unerzogen oder verwöhnt, im Gegenteil: Je mehr Eltern auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen, umso friedlicher ist es.

Was zählt noch zu den Kernkompetenzen junger Eltern?

Holzmann: Ich finde einfach, dass ein Baby für die jungen Eltern das Wichtigste sein sollte. Das Baby sollte unbedingt so geliebt werden, wie es ist, sobald es auf der Welt ist. Es wäre toll, wenn Eltern sich das auch ganz bewusst vornehmen. Hinzu kommt, möglichst viel Kraft und Ruhe zu tanken und dadurch auch auszustrahlen. Dazu gehört aber auch, dass sich die Eltern selbst mal was Gutes tun, sich ab und zu eine Auszeit nehmen, in der jemand anderes das Kind betreut. Nur so können Eltern die nötige Kraft tanken und weitergeben. Und: Sie sollten sich frühzeitig Hilfe holen, wenn sie Probleme haben.

Die Tragödie mit dem zu Tode geschüttelten Baby ist in einer Familie geschehen, die unauffällig war und bereits ein älteres Kind hatte. Kann das in einer Ausnahmesituation also jedem passieren?

Holzmann: Die Aggressionen, die dauerndes Babygeschrei auslösen können, könnten rein theoretisch jedem passieren. Aber die meisten haben da zum Glück eine Hemmschwelle. Eltern, die selbst als Kind nicht so tolle Bindungserfahrungen gemacht haben, können aber unter Umständen besonders anfällig für Babygeschrei sein. Wenn wir merken, dass jemand damit ein wirklich ernsthaftes Problem hat, empfehlen wir eine Therapie. Das Gefühl, einfach nicht mehr zu können, haben aber wahrscheinlich alle Eltern mal.

Was tut der Kinderschutzbund in Sachen Prävention?

Holzmann: Eines unserer besten Angebote ist der Elterntreff, der unheimlich gut angenommen wird. Denn das Wichtigste ist, die Isolation zu durchbrechen, Kontakte zu knüpfen. Das ist aus unserer Sicht die beste Prävention. Da entwickelt sich Vertrauen, und dann erzählen viele auch von Schwierigkeiten und holen sich Tipps. Generell gilt aber: Wenn man die Situation nicht mehr erträgt, weil das Baby ununterbrochen schreit, sollte man es kurz hinlegen, die Tür schließen und versuchen, zu entspannen. Das ist allemal besser als auszurasten.