Karolin Neusel ist Wuppertals jüngste Bestatterin

Ungewöhnliche Berufswahl : Karolin Neusel ist Wuppertals jüngste Bestatterin

Karin Neusel hat einen nicht ganz alltäglichen Beruf. Die 25-Jährige vertritt bereits die neunte Generation in dem Barmer Familienunternehmen.

Der November steht vor der Tür mit Anlässen wie Allerheiligen, Volkstrauertag, Bußtag und Totensonntag, bei denen den Menschen bewusst wird, dass alles Irdische vergänglich ist. Eine Zeit, in der auch der Beruf des Bestatters mehr in den Vordergrund rückt. Damit verbindet man gemeinhin Damen und Herren im vorgerückten Alter, möglichst mit ergrautem Haar und der sprichwörtlichen „Leichenbittermiene“.

Was, wenn Hinterbliebenen beim Aufsuchen des Bestattungsinstitutes eine junge Dame von 25 Jahren, strahlende Jugend verkörpernd, gegenüber tritt? So wie Karolin Neusel eben, Wuppertals jüngste Bestatterin, die das mehr als 200 Jahre in Oberbarmen in der Berliner Straße 54 ansässige Bestattungsinstitut Neusel in der neunten Generation vertritt.

In kurzer Zeit gewinnt sie das Vertrauen der Angehörigen

„Ich habe es Hinterbliebenen gegenüber natürlich zunächst etwas schwerer als meine Mutter Barbara Neusel-Munkenbeck oder unsere Kollegin Katharina Klein, das Vertrauen der Angehörigen zu gewinnen. Aber diese Phase dauert meist nur zehn bis 15 Minuten“, berichtet Karolin Neusel, der die Betreuung von Menschen, die gerade großes Leid erfahren haben, eine Herzensangelegenheit ist.

Deshalb bejaht sie auch die Frage, ob sie täglich gern zur Arbeit kommt. „Ich weiß, dass ich Menschen in einer kritischen Lebenssituation mit Empathie helfen und ihnen Trost vermitteln kann“, sagt sie glaubwürdig.

Dass ihr dies bisher gut gelungen ist, bestätigt Mutter Barbara Neusel-Munkenbeck: „Wenn Menschen später zu mir kommen und sagen, dass sie meine Tochter gern noch mal um Rat fragen würden, dann sehe ich das als großes Kompliment an. Sie hat ganz offensichtlich die Gabe, auf Menschen zuzugehen.“

Von Kind an mit dem Thema Sterben vertraut

Scheu gegenüber Menschen, die gerade einen Angehörigen verloren haben, verspürt die junge Bestatterin nicht. „Mir hilft es natürlich, dass ich als Tochter von Barbara Neusel-Munkenbeck und Enkelin von Emil Neusel von Kind auf an mit dem Tabu-Thema Sterben betraut war, das unweigerlich jeden von uns betrifft. Deshalb kann ich da den Hinterbliebenen unbefangen begegnen.“

Wobei die Betreuung der Trauernden bei Neusels nicht auf die Organisation der Beerdigung, die Formalitäten gegenüber Ämtern und Versicherungen oder die individuelle Gestaltung der Trauerbriefe und der Annonce in der Tageszeitung beschränkt ist. „Wir lassen die Angehörigen auch danach nicht allein“, so Barbara Neusel-Munkenbeck und verweist dabei auf die Trostgespräche mit Schicksalsgenossen und das einmal im Jahr in der alten Kirche Wupperfeld stattfindende Trostkonzert. „Das ist nicht nur kostenfrei, sondern auch für alle anderen Menschen offen.“

„Es hängt natürlich vom persönlichen Naturell ab, wie lange so eine Trauerphase dauert“, weiß Karolin Neusel. „Es gibt Menschen, die den Verlust ein bis drei Monate lang gar nicht wahrhaben wollen“, schildert sie ihre Erfahrungen. „Da sind viel Geduld und Feingefühl nötig.“

Der Beruf des von der Handwerkskammer „geprüften Bestatters“ hat übrigens auch seine handfesten Seiten. „In meiner Ausbildung musste ich auch Särge schreinern und auf dem Friedhof mit dem Bagger Gräber ausheben“, berichtet die junge Frau.

Bei ihren täglichen Anforderungen verliert sie aber nicht ihre positive Grundstimmung: „Nach besonders schwierigen Gesprächen treffen wir uns im Kollegenkreis und versuchen gemeinsam, besonders erschütternde Begegnungen mit Angehörigen seelisch zu verarbeiten.“ Auch der Sport hilft der Bestatterin, Belastendes hinter sich zu lassen. „Ich spiele regelmäßig Volleyball in der Mannschaft bei der DT Ronsdorf. Bei einem Match kann ich wunderbar abschalten, weil ich mich dann einfach auf unser Spiel konzentrieren muss.“

Barbara Neusel-Munkenbeck blickt mit Stolz auf die Vertreterin der neunten Neusel-Generation. „Im Laufe der nächsten Jahre werde ich mich mehr und mehr aus dem täglichen Geschäft zurückziehen und weiß, dass das Unternehmen bei Karo in guten Händen ist.“

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