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Karin Hockamp verabschiedet sich vom Stadtarchiv

Karin Hockamp verabschiedet sich vom Stadtarchiv

Der bevorstehende Umzug nach Hattingen wird ihr letztes großes Projekt. Hockamp leitete 27 Jahre die Abteilung.

Sprockhövel. Das seit 1986 bestehende Sprockhöveler Stadtarchiv im hinteren Teil der Mathilde-Anneke-Schule ist geschlossen. Es zieht um nach Hattingen in die Rauendahlstraße 40-42, in die Räume des Hattinger Archivs und wird dort erst im Oktober wieder eröffnet. So ein Stadtarchiv ist das vielleicht wichtigste Stück Stadtgeschichte in Papierform, und ein derartiger Umzug erfordert präzise, ausgiebige Planung, damit sämtliche Zeugnisse der Vergangenheit wieder auf Anhieb greifbar sind.

Karin Hockamp, die Leiterin des Sprockhöveler Archivs, ist intensiv mit den Vorbereitungen für den Umzug beschäftigt, hat Regalpläne gezeichnet und ausgearbeitet, damit die Zeitungsbände der Hattinger Zeitung mit Sprockhöveler Lokalteil seit dem Jahr 1894 ebenso wieder ihren richtigen Platz finden wie die Unterlagen des Standesamtes, in denen Geburt, Tod oder Heirat festgehalten sind. „Die Angaben werden öfter von Rechtsanwälten und Notaren benötigt, wenn es um Erbenermittlung geht, also das Erbe von Personen zu verteilen, die selbst kein Testament hinterlassen haben. Da sind Ermittlungen bis hundert und mehr Jahre zurück möglich, aber im allgemeinen reicht es, die Familiengeschichte bis zu zwei Generationen zurückzuverfolgen“, erzählt Karin Hockamp, die am 1. Juni in den Ruhestand geht, aber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am neuen Standort in Hattingen zumindest stundenweise beim Einarbeiten behilflich sein wird.

Im Stadtarchiv sind die vielfältigsten Unterlagen der Stadt eingelagert: An- und Abmelderegister, Vereinsunterlagen, die Akten aus der Verwaltung der Stadt Sprockhövel seit 1970 und der Vorgängergemeinden, aber auch beispielsweise die Unterlagen der Hebamme Wilhelmine Nasenberg, die 40 Jahre segensreich in Sprockhövel gewirkt hat.

Und wie sieht es mit der Digitalisierung der dicken Folianten und Registerunterlagen aus? „Abgesehen von den enormen Kosten, die eine solche Digitalisierung verursachen würde, müssen Archivalien in ihrer Entstehungsform erhalten bleiben“, weist Hockamp auf die gesetzlichen Vorschriften hin. So kann man weiterhin einen Blick in die alten Register werfen, die vor hundert und mehr Jahren in einer schon kunstvoll wirkenden Schönschrift verfasst worden sind. „Damals gab es keine Schreibmaschinen, und die Verfasser dieser Dokumente waren extra ausgebildete Schreiber“, erklärt Karin Hockamp die „Schätze“ in Sütterlinschrift.

Die bergen bisweilen auch heute kurios Anmutendes wie das Strafverzeichnis einer Schule in Herzkamp, das bis zum Ersten Weltkrieg geführt wurde. Da erfährt man, dass ein gewisser August H. wegen „wiederholter Nachlässigkeit beim Turnen“ drei Schläge aufs Gesäß erhalten hat. Erna Sch. und ihre Schwester Ida wurden mit drei beziehungsweise vier Schlägen auf den Rücken bestraft, weil sie den Unterricht gestört oder durch Ungehorsam unangenehm aufgefallen waren. „Mädchen wurden nicht auf den Po, sondern auf den Rücken geschlagen“, weiß die Archivarin. Das Strafregister mit minuziöser Schilderung der handfesten Maßregelungen wurde nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafft, was jedoch nicht hieß, dass nicht weiter munter geprügelt wurde.

All diese Unterlagen sind natürlich empfindlich gegen Kälte und Feuchtigkeit, weshalb in den Archiven mittels einer Klimaanlage Temperaturen von 16 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von höchsten 50 Prozent sichergestellt sind.

Das Stadtarchiv wurde 1986 eingerichtet, und Karin Hockamp ist dort seit 1991 beschäftigt, also seit 27 Jahren. Klar, dass sie da eine gewisse Wehmut beschleicht, wenn sie an das baldige, wenn auch allmähliche Ende ihrer beruflichen Laufbahn denkt. Angst vor Langeweile hat sie allerdings nicht. „Ich bin nach wie vor Vorsitzende von Kuki, der Kunst- und Kulturinitiative, habe dann auch mehr Zeit, mich der Mathilde-Anneke-Forschung zu widmen und ein intensiveres Familienleben zu pflegen“, sagt die Archivarin, die im Laufe der Jahre auch etliche Schriften und Broschüren über Sprockhövel verfasst hat. Ihr letztes Werk: Der Text über die Geschichte des Bahnhofs Schee, der an der Glückauftrasse Radler informiert.