Kultur Kammerspielchen am Wuppertaler Karlsplatz zeigt das Stück „Der Kredit“ von Jordi Galceran

Wuppertal · Zwei Schauspieler sorgen knapp eineinhalb Stunden für Unterhaltung.

Überzeugten auf der Bühne in ihren Rollen (v.l.): Rolf Berg und Michael Schäfer.

Überzeugten auf der Bühne in ihren Rollen (v.l.): Rolf Berg und Michael Schäfer.

Foto: Kevin Bertelt

Den Kunden höflich mit dem abschlägigen Urteil bescheiden. Trieren zwischen sachlichem Ernst und mal einem eingestreuten Scherz. Und nur wenn nötig auch Härte: Bank-Filialleiter Goetz beherrscht die Klaviatur der Mittel und Tonfälle, um sein Nein zum Kreditgesuch zu vermitteln. Glaubt er. Wie dies kippt, allmählich, gnadenlos: Das war im Kammerspielchen ein Erlebnis.

„Der Kredit“ heißt das Stück von Jordi Galceran, das in dem Boulevardtheater am Karlsplatz in der Inszenierung von Heike Beutel zu sehen war. Kaum eineinhalb Stunden, getragen von nur zwei Schauspielern – und beide gaben ihrer Figur ein komplett einleuchtendes Profil, das bis zum Schluss blieb. Was sich ändert, ja: Was schwankt und sich schließlich komplett wendet, ist das Machtverhältnis. Michael Schäfers Goetz ist vom Charakter derselbe – und liegt im Gefälle doch am Boden. Entgeistert bringt er seine Niederlage auf den Punkt: „Ich soll Ihnen den Kredit geben, damit Sie mit meiner Frau schlafen?“ Kein Griff auf seiner Klaviatur hat den Banker vor diesem Bankrott geschützt, den sein Stolz nun erleidet.

Angriffspunkt fürs Drehen der Hierarchien: Goetz‘ fragile Familiensituation, vor allem was seine Gattin, aber auch, was Bruder und Sohn betrifft. Rolf Berg als Gegenspieler Schmidt ist auf seine Weise genau so scharf konturiert, und zu seinen Talenten zählt sichtlich das Erkennen und Nutzen von Schwächen. In Goetz‘ Büro steht ein Foto des Ehepaars, und als der Kunde, dessen Kreditwunsch gerade abgelehnt wurde, ihn harmlos darauf anspricht, hört er aus der knappen Antwort Verletzlichkeit heraus. Diese offene Flanke nutzt er wieselflink – zur Überrumpelungstaktik: „Wenn Sie mir das Geld nicht geben, verführe ich Ihre Frau.“

Es sind Stellen wie diese, an denen der Zuschauer mitfiebert: Wer dreht hier ab? Behält die Profi-Geste des drahtigen Finanzmanns die Oberhand ob dieser unerhörten Frechheit – oder bekommt der Allerweltsmann Schmidt (äußerlich unauffällig, mäßig rasiert) hier einen Fuß in die Tür? „Spoiler“: Der „Fuß“ steht fortan brachial – ab hier beginnt alles zu bröckeln.

Ein Anlass für hörbares Amüsement

Denn kaum ist der Kunde gegangen, macht Goetz die Sache nur schlimmer: Er ruft Gattin Laura an und erzählt von der Ankündigung, die ihr einerseits Sorgen macht und ihn eilig beschwichtigen lässt: „Nein, ich verkaufe nicht deine Sicherheit für dreitausend Euro!“ Vielleicht noch schlimmer für ihn – und im Saal jedenfalls Anlass für hörbares Amüsement: Lauras erste Nachfrage zum „drohenden Verführer“ ist: „Wie hat der ausgesehen?“ Unbeirrbare Treue sieht anders aus. Und es kommt noch viel schlimmer. Schmidts schräges „Hilfsangebot“: Als Gegenleistung zum Kredit wolle er exakt einmal Sex mit Laura haben, und zwar nur damit sie wieder ihre Liebe zum Gatten entdeckt.

Jordi Galceran hatte vor Jahren großen Erfolg mit seinem Stück „Die Grönholm-Methode“, die landauf, landab an den Theatern gespielt wurde. Dort wurde der modernen Bewerbungsmethode „Assessment Center“ dramatisches Potenzial entlockt: Einer der Kandidaten musste ein doppeltes Spiel treiben; im Grunde war es gleichfalls ein Stück um variable Machtgefälle. Dass es so beliebt war, mochte noch Ausläufern der Lehman-Krise geschuldet sein; das Stück wurde auch als Kapitalismuskritik gelesen und entsprechend inszeniert. Wodurch nun auch bei „Der Kredit“ die Vermutung nahe lag, grundsätzlich gehe es um Systemkritik.

Dies freilich stellt zumindest die Version im Kammerspielchen kaum heraus: Geschickt pointiert sie mehr den menschlichen „Zweikampf“ und macht ihn zum großen Vergnügen. Nur vereinzelt erscheint das Bühnengeschehen als Kritik am Finanzwesen, das man teils ja gut und gern so brutal finden kann wie die Psycho-Tricks eines Schmidt, der bloß einen seiner Vertreter, den Banker, in die Enge treibt.

Dennoch: Ob wohl beim Reiz an dem Stück das Feixen über einen Finanzvertreter seinen Anteil hat, dem zur Abwechslung einmal Grenzen aufgezeigt werden? Auch ganz ohne globale Krise mag ja die zentrale Stellung der Geldwirtschaft dieser Tage manches Fragezeichen verdienen. Wenn schon nach dem ersten Schlagabtausch der zwei spontaner Szenenapplaus ausbrach, mochte Schadenfreude in der Luft liegen: Der „Punkt“ dieser „Runde“ ging klar an Schmidt. Gutteils aber (und sicher gleichfalls zu Recht) galt er gewiss der Leistung der zwei Darsteller, die an diesem Abend nonstop und ganz ohne Blutvergießen für Spannung gesorgt hatten.