1. NRW
  2. Wuppertal

Kalle Waldinger: Gründer des Rockprojekt Wuppertal ist jetzt Hausmeister

Abschied nach 30 Jahren : „Kalle Waldinger ist jetzt Hausmeister“

Abschied nach 30 Jahren. Mit einem Augenzwinkern berichtet der Wuppertaler über seine neue Tätigkeit in den eigenen vier Wänden.

„Ich bin doch pensioniert“, lacht Kalle Waldinger bei der Frage, ob er Zeit für ein Gespräch habe. Was macht der Gründer und Ideenstifter des Ronsdorfer Rockprojekts – das heutige Rockprojekt Wuppertal –, das vor über 30 Jahren seinen Start nahm? Vorstandsmitglied ist Kalle Waldinger keines mehr, er ist aber weiterhin im Verein und mit Begeisterung dabei, war viel Einsatz – „anders geht es auch nicht“ mit der Gründung zur Förderung musikalischer Talente verbunden. Denn unabhängig vom finanziellen Polster, konnten und können die Schüler im Rahmen des Projekts ein Musikinstrument erlernen und dieses auch kostenlos nutzen.

Den Auslöser dazu gaben die Schüler selbst, denkt der damalige Kunst- und Deutschlehrer gerne zurück: „Mit Gitarre saßen sie auf den Fluren und meinten, schließ‘ doch mal den Musikraum auf, Kalle“, erzählt er und ergänzt lachend: „Und da habe ich das Verbrechen begangen.“ Was darauf folgte, ist mit viel Engagement verbunden. Gemeinsam mit den Eltern und den musikbegeisterten Schülern selbst wurde die Idee ausgereift. Da es als einfacher Lehrer nicht möglich war, einen Raum zu mieten und auch zur Darstellung der Finanzen, kam der Entschluss: „Wir machen es auf den Stützen eines Unternehmens“, erklärte er. Ein Verein musste her, um eine Initiative wie diese in die Schule zu integrieren. Der Schul-Etat reichte dafür nicht aus und auch die Verantwortung musste getragen werden. Vorstandsvorsitzende wurde eine engagierte Mutter, der Waldinger gerne den Vorrang gab. „Sie war die Richtige dafür“, sagt Waldinger, der als einfaches Vorstandmitglied den Vereinsweg startete. Im Schulgebäude entstand ein Proberaum, den Schlüssel meldeten sie beim Gebäudemanagement an – um selbstbestimmt die Räume betreten und nutzen zu können. Und schon konnten diese mit Musik gefüllt werden.

Für 2021 gibt es für das Festival noch keine Prognose

Und was mit großem Einsatz begann, war mit Erfolg gekrönt. Es entstand ein jährliches Festival, auf dem die Bands ihren Auftritt vor großem Publikum haben. Am 1. Februar 2020 fand das Wuppertaler Schülerrockfestival – für Nachwuchsmusiker das größte Deutschlands – zum 34. Mal statt. „Für das nächste Jahr gibt es coronabedingt noch keine Prognose“, so Waldinger. Auch im Ausland sind die Schülerbands aufgetreten und haben anderen Schulen ihre Lieder vorgestellt, darunter in São Paulo, Santiago de Chile oder Südkorea, wohin sie ihr Lehrer begleitete.

Heute hat Kalle Waldinger zwei Proberäume auch im eigenen Haus. Das hat er geerbt und diese eingerichtet. Die Villa Rock bietet auch sonst reichlich Platz – den er teilen möchte. Und so wohnt er in einer WG mit Studenten, der eine aus Bangladesch, zwei weitere aus Indien. Es finden auch kleinere Events statt. Aktuell seien wegen Corona keine Veranstaltungen denkbar, ein Nachbarschaftsfest im Freien konnte dieses Jahr aber erfolgen. Auch Grillabende mit Schülern und Eltern finden hier sonst statt. Sein Garten misst 1000 Quadratmeter. „Da bin ich jeden Tag paar Stunden mit beschäftigt“, erzählt er und wenn er Hilfe braucht, unterstützen ihn seine Mitbewohner und vor Ort musizierende Schüler gerne. „Es ist ein Platz für Begegnungen“, stellte er fest. Vergangenen Sonntag etwa standen vier junge Rapper unangemeldet vor der Tür. „Ich habe denen gesagt, sie sollen sich untereinander einigen, in welcher Reihenfolge sie das Studio nutzen, und das hat auch geklappt“, erzählt Waldinger. „Sie können ruhig schreiben, Kalle Waldinger ist jetzt Hausmeister“, lacht er im Hinblick auf die musikalische Organisation im eigenen Zuhause.

Einige der damaligen Schüler, die in Bands spielten, sind auch hauptberuflich Musiker geworden. „Mit einer Sängerin arbeite ich gerade an einem Liederbuch mit Stücken aus dem Wuppertaler Schülerrockfestival zusammen“, sagt Kalle Waldinger. Die Werke der Schüler im Liederbuch sollen als Unterrichtsmaterial dienen – für Deutsch als Fremdsprache können die Musikstücke auf der ganzen Welt gesungen und einstudiert werden. Fast 200 Seiten sind schon zusammengekommen.

Kalle Waldinger war
gerne ein Lehrer

„Wir haben immer ermutigt und geholfen, das Zeitgeschehen reflektiert, und es entstanden Texte über Themen, die den Kindern auf den Nägeln brennen. “, sagt Waldinger, „Da kam auch das Thema Rassismus vor. Es würde mich freuen, wenn darüber keine Lieder mehr gesungen werden müssten.“ 40 Jahre lang war er Kunst- und Deutschlehrer einer Gesamtschule – „ich war nie an einer anderen Schulform“, sagt er. Ideen einbringen, Initiativen ergreifen, Kinder verstehen und sie ernst nehmen und schauen, wo die Interessen liegen – das wurde stets nahegelegt. „Ich war gerne Lehrer.“

Eine schöne Anekdote aus der Italienzeit: In Sardinien, wo er seit 40 Jahren ein Haus hat, hat er auf der Straße gesungen. Die Menge sang mit. Da sprach ihn tags drauf ein Polizist an. „Da dachte ich mir noch, einen Strafzettel kann ich ja gar nicht haben, ich hab doch gar kein Auto“, schmunzelt er. Als er ihn darauf ansprach, ob er letztens gesungen hätte, hakte er nach: „War ich zu laut?“ „Nee, sagte mir der Polizist, aber ich solle doch auf Italienisch singen“, lacht Waldinger. Damit hatte er nicht gerechnet. Ein handgeschriebenes Lied von Eros Ramazzotti gab ihm der Polizist mit. „Ein Kuss der Muse, seitdem singe ich auch auf Italienisch“, freut sich Waldinger. Die Begeisterung für die Musik teilt er mit den Schülern.