Juweliermord am Werth: Das Leid der Überlebenden

Juweliermord am Werth: Das Leid der Überlebenden

Angestellte (26) identifiziert die beiden Angeklagten als Täter.

Wuppertal. Die körperlichen Narben sind groß, aber die seelischen viel tiefer. Auch wenn die 26-Jährige sich viel Mühe gibt, stark zu sein, schwingt bei jedem Satz Leid mit. Am 17. Oktober des vergangenen Jahres wurde die Angestellte in einem Juweliergeschäft am Werth in Barmen von zwei Männern angeschossen. Ihre Kollegin (33) starb durch zwei Schüsse. Freitag identifizierte sie vor dem Landgericht die zwei angeklagten Männer aus Montenegro als die Schützen.

Im Zeugenstand schilderte die 26-Jährige den Tag der Bluttat. Eigentlich arbeite sie in der Elberfelder Filiale des Juweliers, aber sie habe am Werth eine Kollegin, die zu dem Zeitpunkt im Urlaub war, vertreten müssen — zunächst ohne besondere Vorkommnisse. Gegen Mittag änderte sich das: Zweimal seien die Angeklagten in dem Geschäft aufgetaucht. Hätten sich erkundigt, wie viel Geld sie für mitgebrachte Schmuckstücke aus Gold bekommen würden und ob sie den Schmuck auch gegen neuen tauschen könnten.

Im Geschäft habe nur der Hauptangeklagte (39) gesprochen, sein Cousin (22) habe sich ruhig verhalten. Verdächtig sei ihr das nicht vorgekommen. Der Hauptangeklagte habe zwar unentschlossen und unsicher gewirkt, sei aber sehr höflich gewesen, sagte die Zeugin.

Die Angestellte des Juweliergeschäfts

Beim dritten Besuch habe ihre Kollegin telefoniert, als die Männer das Geschäft betraten. Als das Gespräch beendet wurde, habe sie sich gerade über eine Vitrine gelehnt, um diese zu öffnen, dann habe sie plötzlich ihre Kollegin schreien hören. „Als ich mich umdrehte, sah ich, wie er auf sie geschossen hat“, sagte die 26-Jährige unter Tränen.

Dann sei alles ganz schnell gegangen: Sie habe versucht, zum Notschalter hinter dem Tresen zu kommen, doch der Hauptangeklagte habe über den Tresen geschossen und sie getroffen. Sie sei mit starren, geradeaus gerichteten Augen liegen geblieben. „Ich wollte, dass er denkt, ich sei tot“, schilderte sie die Momente unter Tränen.

Erst als die Männer weg waren, habe sie sich auf die Straße geschleppt, wo ihr eine Passantin die Wunden zugedrückt und Hilfe gerufen habe. Noch im Krakenhaus habe sie versucht, sich wach zu halten: „Ich hatte Angst einzuschlafen. Ich dachte, dann sterbe ich. Ich dachte, das seien die letzten Minuten.“

Dieser Tag hat ihr Leben für immer verändert: Sie hat Narben an Schlüsselbein, Bauch, Knie, Schultern und Brustbein — teilweise bis zu 25 Zentimeter lang. Ihre Ehe ist gescheitert. Monatelang habe sie nicht geschlafen. Noch heute könne sie nicht allein sein, wohnt wieder bei ihrer Mutter in Köln. Das hasserfüllte Gesicht mit den gefletschten Zähnen gehe ihr nicht aus dem Kopf: „Ich höre immer wieder die Schreie. Immer wieder sehe ich sein Gesicht. Ich gucke hinter jede Tür, hinter den Duschvorhang — ich habe Angst, dass er wieder vor mir steht.“

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