Jugendrichterin: „Bei uns geht es um Erziehung statt Strafe“

Jugendrichterin: „Bei uns geht es um Erziehung statt Strafe“

Annette Spormann stellt ihre Arbeit vor. Sorgen bereiten ihr die häufigeren Angriffe mit Messern.

Wenn sie verhandeln, sind fast immer die Türen zum Gerichtssaal geschlossen: Fünf Jugendrichterinnen und Jugendrichter sind am Amtsgericht für Straftaten junger Menschen zuständig. Dass ihre Urteile öfter als zu milde empfunden werden, ist Jugendrichterin Annette Spormann bewusst. Bei der Jahrespressekonferenz von Amts- und Landgericht erläuterte sie daher ihre Arbeit.

„Wir leisten Erziehungsarbeit“, machte sie klar. Nicht die Strafe stehe im Vordergrund, sondern die Frage: „Was braucht der Jugendliche, damit er in Zukunft straffrei leben kann?“ Sie erklärte den Unterschied an einem fiktiven Beispiel: Zwei Brüder werden geschnappt, nachdem sie mehrere Autos aufgebrochen, deren Spiegel zerstört und Gegenstände gestohlen haben. Der große Bruder (24) wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, der kleine Bruder (16) muss Entschuldigungsbriefe an die Autobesitzer schreiben und 40 Arbeitsstunden leisten.

So eine Ungleichbehandlung rufe regelmäßig Kritik hervor. Dann verweise sie auf das Prinzip „Erziehung statt Strafe“ und erkläre: „Der 16-Jährige muss erzogen werden.“ Und da jeder Jugendliche anders sei und daher eine andere Art von Erziehung brauche, müsse sie möglichst viel über den jeweiligen Jugendlichen herausfinden. „Wir müssen die Jugendlichen kennenlernen.“

Dabei helfe vor allem die Jugendgerichtshilfe, die vor der Verhandlung mit dem Jugendlichen, aber auch nach Möglichkeit mit dessen Eltern rede. Dabei werde der Werdegang des Jugendlichen betrachtet, seine Familiensituation, ob er bisher auffällig war.

„Für mich ist dann die erste Erkenntnisquelle der Jugendliche selbst.“ Sie befrage die Angeklagten in der Verhandlung, warum sie die Tat begangen haben. „Man erfährt ganz viel. Denn die Jugendlichen taktieren nicht so wie Erwachsene.“

Wenn sie den Eindruck habe, dass der Angeklagte schon von den Eltern ins Gebet genommen wurde, er sich um Schadenswiedergutmachung bemüht, die Schule regelmäßig besucht, dann könne das Ergebnis so etwas wie die 40 Arbeitsstunden sein. Wenn er dagegen schon häufiger straffällig wurde, sogar noch nach der Tat, für die er aktuell vor Gericht steht — „dann habe ich alle Möglichkeiten“ — vom Jugendarrest bis zu einer Haftstrafe. Doch auch dort gehe es um Erziehung, Unterricht und Kurse sollten den Jugendlichen helfen, später ein Leben ohne Straftaten zu führen.

Annette Spormann ist überzeugt, dass ihre Arbeit der richtige Umgang mit den Jugendlichen ist: „Das ist das einzige, was etwas bringt: Individuell gucken, was dieses Kind braucht.“ Viele Jugendliche sehe sie nur einmal, andere dagegen einige Male mit Kleinigkeiten.

Typische Jugenddelikte seien der „Abziehen“ genannte Handy-Raub, Körperverletzungen bei Auseinandersetzungen und Drogendelikte — „Jugendliche trinken weniger und kiffen mehr“, bei den jüngeren von 14 bis 17 Jahren gehe es meist um Ladendiebstähle und Schwarzfahren. Beim Thema Gewalt stellt sie eine Zunahme fest. Und etwas bereitet ihr Sorgen: „Es gibt immer mehr Messer.“ Es gebe viele Jugendliche, die ein Messer bei sich haben und es bei Konflikten auch einsetzen. „Ich finde das ganz bedenklich, weil es dann gleich schlimme Verletzungen gibt.“ Ein Trend, der auch unter Erwachsenen zu beobachten ist, sagt Carmen Schlosser, Sprecherin des Amtsgerichts: „Wir hatten noch nie so viele Körperverletzungen mit Messern, wie in den vergangenen zwei Jahren.“

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