Jugendliche verlieren ihr Sprachrohr in den Stadtteilen

Jugendliche verlieren ihr Sprachrohr in den Stadtteilen

Zu wenig Zeit, kein Interesse – die Bezirksjugendräte fallen weg, weil sich nur 53 Bewerber zur Wahl aufstellen ließen.

Wuppertal. Die Jugend hat der Politik eine Absage erteilt. Nicht den Abgeordneten im fernen Berlin, sondern ihrer eigenen Jugendpolitik vor Ort in Wuppertal. Zur kommenden Wahl des Jugendrates kandidieren nur 53 Wuppertaler. Zu wenig, um Bezirksjugendräte zu bilden. Dafür hätte es mindestens 65 Anwärter gebraucht.

Monika Julius-Linke, bei der Stadt für die Bezirksjugendräte zuständig, ist in die Schulen gegangen und hat die Werbetrommel für politisches Engagement gerührt. Sie sagt: "Ich habe immer wieder gehört, dass die Schüler schlicht keine Zeit mehr für die Arbeit haben." Der Grund sei der Ganztagsunterricht in Zusammenhang mit dem Abitur in zwölf Schuljahren ("G8").

Doch wie zeitintensiv ist die Arbeit in der Jugendpolitik? René Klein war sechs Jahre im Bezirksjugendrat Barmen. Inzwischen ist er 20 und zum Sprecher des Jugendrats NRW gewählt worden. Er sagt: "Wie viel Zeit ich investiere, entscheide ich selbst." Der Bezirksjugendrat tagt alle zwei bis drei Wochen. Alles andere ist optional. Nur wer will, sitzt im gesamtstädtischen Jugendrat oder verfolgt die Sitzungen der Bezirksvertretung. Zwei Mitglieder des Jugendrates besuchen zudem den Jugendhilfeausschuss der Stadt.

Klein glaubt, dass die Politikverdrossenheit seiner Alterskollegen vor allem eine Sache der Kommunikation ist. Er erklärt: "Die Öffentlichkeitsarbeit läuft noch nicht so gut." Es gebe keinen Wiedererkennungswert. Klein gesteht, er habe am Anfang selbst nicht recht gewusst, was der Jugendrat macht. Heute sagt er: "Ich könnte mir vorstellen in die Politik zu gehen."

Das können erstmal die wenigsten Jugendlichen behaupten. Lukas Hohmann (17), Bezirksjugendratsmitglied, erklärt: "Es ist problematisch, dass Viele den Bezirksjugendrat der Kategorie Politik einordnen, so wie sie diese aus dem Bundestag kennen, also eher förmlich."

Obwohl die 14- bis 18-Jährigen im Jugendhilfeausschuss nur Antrags- und Rederecht haben, trägt ihre Politik reale Früchte. Monika Julius-Linke erinnert sich an einen Bolzplatz im Bezirk Uellendahl/Katernberg. Dort flog der Fußball regelmäßig nicht nur über den Zaun, sondern rollte anschließend einen Hang herunter. Der Jugendrat habe daraufhin bewirkt, dass über dem Platz ein Netz gespannt wurde. Politiker wären höchstwahrscheinlich nie auf das Problem gestoßen.

Der Wegfall der Bezirksjugendräte könnte den jungen Blick auf die Stadt trüben. Gerade in den Randbezirken, die ab sofort nicht mehr zwingend einen Vertreter stellen werden. Julius-Linke berichtet: "In Ronsdorf hat sich kein einziger Jugendlicher zur Wahl aufgestellt."

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