Entwicklung in Wuppertal: „Integration und Zuwanderung sind kein multikulturelles Sommerfest“

Entwicklung in Wuppertal : „Integration und Zuwanderung sind kein multikulturelles Sommerfest“

Bei einer Veranstaltung der Flüchtlingshilfe Wuppertal-West ging es um die Entwicklung der Zuwanderung, Herausforderungen und Erfolgsgeschichten.

Nur noch wenige geflüchtete Menschen kommen in Wuppertal an. Die Zeiten, als Turnhallen und Übergangsheime durch die Belegung mit Asylsuchenden aus allen Nähten platzten, sind längst vorbei. Ein Großteil von ihnen konnte in privaten Wohnraum vermittelt werden. Trotzdem bleiben die Themen Zuwanderung und Migration hochaktuell. Rund 10 500 Flüchtlinge leben derzeit im Stadtgebiet, das sind mehr als doppelt so viele wie beim letzten Höchststand während des Balkankriegs in den 90er Jahren.

Etwa 15 Millionen Euro muss die Kommune jährlich für sie aufbringen. Eine Herausforderung ist auch die schwierige Situation in bestimmten Quartieren. Im Bereich Rehsiepen haben mehr als 67 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund, bei den Kindern sind es sogar mehr als 81 Prozent. Fast ein Viertel der Menschen ist hier in den letzten drei Jahren zugewandert.

Laut Stadt sorgt diese Konstellation für fehlende Sprachkompetenzen insbesondere bei Frauen mit Kindern, eine isolierte Lage des Quartiers, schulischen Unterstützungsbedarf und einen großen Fehlbedarf in der Kinderbetreuung.

Andererseits bietet das Thema Zuwanderung für eine ehemals stark schrumpfende Stadt wie Wuppertal große Chancen. Etwa 1300 Menschen mit einem Fluchthintergrund konnten nach Aussage der Verwaltung im vergangenen Jahr in sozialversicherungspflichtige Arbeit vermittelt werden. Das sind rund 20 Prozent der erwerbsfähigen Zuwanderer – Tendenz steigend.

„Das sind die Fachkräfte von morgen“, betont der Leiter des städtischen Ressorts für Zuwanderung und Integration, Jürgen Lemmer. Die neuen Bewohner seien außerdem in der Regel jung, was der Bevölkerungsstruktur einer „alternden Stadt“ gut tue.

Lemmer informierte jetzt die Zuhörer bei einer Veranstaltung der Flüchtlingshilfe Wuppertal-West über die Entwicklung der Zuwanderung in Wuppertal. Dabei hatte er viele aktuelle Zahlen im Gepäck. Mehr als 360 000 Einwohner leben derzeit im Stadtgebiet, was ein deutliches Plus bedeutet. Der Migrationsanteil in der Bevölkerung ist in den vergangenen sieben Jahren von 30 auf knapp 38 Prozent gestiegen. Insgesamt sind etwa 28 000 Personen zugewandert. Die Hauptherkunftsländer sind aus der EU Polen, Bulgarien, Griechenland sowie Italien und bei den geflüchteten Menschen Syrien, der Irak und die Balkan-Staaten.

Hinter den Zahlen stehen persönliche Geschichten

Welche persönlichen Geschichten hinter diesen nüchternen Zahlen und Informationen stecken, sollte durch die Veranstaltung der Flüchtlingshilfe deutlich werden. Die 19-jährige Lilav Daoud kam beispielsweise mit ihrer Familie Ende 2015 aus Syrien nach Wuppertal. Die junge Kurdin spricht mittlerweile fließend Deutsch, will im Juli ihren Realschulabschluss machen und danach das Berufskolleg besuchen. „Mein Ziel ist ein Studium der Ingenieurswissenschaften“, erzählt sie.

Damit solche Erfolgsgeschichten möglich werden, setzen sich die ehrenamtlichen Helfer der Flüchtlingshilfe weiterhin mit großem Engagement für das Thema Integration ein. So wird an der Grundschule Donarstraße die Seiteneinsteigerklasse unterstützt. „Das macht riesigen Spaß und die Kinder sind unheimlich motiviert“, berichtet Peter Dombrowsky. Für Schulleiterin Manuela Siegel ist diese Arbeit unverzichtbar. „Sonst ginge das aufgrund von Personalmangel gar nicht“, betont sie. Die Vorbildung der 17 Kinder aus den unterschiedlichen Nationen sei teilweise „gleich Null“.

Jürgen Lemmer dankt den Helfern ausdrücklich für ihren Einsatz. Er verweist außerdem auf das neue Programm für schwierige Quartiere wie Rehsiepen und Höhe. Dieses umfasst unter anderem Bildungsangebote und eine Förderung der Flüchtlingshilfen. Der Rat stellt dafür insgesamt eine Million Euro aus der Integrationspauschale bereit. „Wir haben es hier mit Herausforderungen zu tun, die zu Problemen werden, wenn wir wegschauen“, betont Lemmer. Dazu gehöre auch der Bereich krimineller Tendenzen. Es gebe für ein gutes Zusammenleben der 160 Nationen in Wuppertal nach wie vor viel zu tun.

So sieht es auch Sozialdezernent Stefan Kühn (SPD). Das ist ein „wechselseitiger und bisweilen konfliktreicher Lern- und Verständigungsprozess“, lautet seine Meinung. Integration und Zuwanderung seien „kein multikulturelles Sommerfest“.

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