Integration macht Schule: Ein Streetworker verhilft zum Abi

Integration macht Schule: Ein Streetworker verhilft zum Abi

Gegen jeden Widerstand kämpften jugendliche Migranten aus dem Stadtteil darum, ihr Abitur machen zu können – mit Erfolg.

Vohwinkel. Es ist eine Erfolgsgeschichte gegen alle Widerstände und ein konkretes Beispiel für gelungene Integration. Mehr als 20 junge Menschen aus Vohwinkel mit unterschiedlichem Migrationshintergrund und aus zum Teil schwierigen sozialen Verhältnissen haben durch Fleiß, harte Arbeit und gegenseitige Unterstützung ihr Abitur bestanden.

Einige von ihnen studieren bereits an verschiedenen Universitäten. Begleitet wurde diese besondere Leistung vom Hochschulprojekt "Paidaia", das vom ehemaligen Vohwinkeler Streetworker Ibrahim Ismail geleitet wird.

Der Diplom-Sportwissenschaftler ist stolz auf seine Schützlinge, die trotz vieler Rückschläge ihren Traum vom erfolgreichen Abschluss niemals aufgegeben haben. "Hier zeigt sich, welches Potenzial in Mädchen und Jungen steckt, die von der Gesellschaft längst abgeschrieben wurden", sagt Ismail. Viele kennt er noch aus seiner Zeit als Streetworker vor fünf Jahren. Probleme im Elternhaus und vor allem in der Schule waren allgegenwärtig.

Die Aussicht auf ein Abiturzeugnis schien Lichtjahre entfernt. Doch der begeisterungsfähige Vohwinkeler gab nicht auf. Durch verschiedene Angebote weckte er das Interesse der Jugendlichen und zeigte ihnen, dass Bildung auch spannend sein kann.

"Das war, als ob bei mir ein Schalter umgelegt wurde", sagt Othmane Aglilah, für den Schwierigkeiten mit den Lehrern zur Tagesordnung gehörten. "Ich hatte plötzlich ein Ziel vor Augen und wusste, dass ich es schaffen kann", betont er. Der 21-Jährige hat im vergangenen Jahr sein Abitur gemacht und studiert nach dem Zivildienst jetzt Maschinenbau.

Auch Hilal Machkitou wurde längst keine Chance mehr eingeräumt. Der 21-Jährige hat es sogar schriftlich, dass er für die Hochschulreife ungeeignet sei. "Dieser Brief hängt jetzt in meinem Büro", sagt Ibrahim Ismail schmunzelnd. Hilal Machkitou nahm stattdessen 2009 sein Abiturzeugnis in Empfang.

Für ihren Erfolg mussten die jungen Frauen und Männer etliche Hürden überwinden, die sie aber auch eng zusammengeschweißten. "Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht und uns geholfen", sagt Sergey Izrailov. Er kam mit acht Jahren nach Deutschland und hatte mit entsprechenden Sprachschwierigkeiten zu kämpfen. Nach vielen Problemen in der Schule, gelang es auch ihm, das Ruder herumzureißen.

Die jungen Menschen übernehmen nun in ihrem sozialen Umfeld eine Vorbildfunktion. Gerade Jugendliche, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, eifern ihnen nach. "Die wollen das auch schaffen", sagt Othmane Aglilah. Er besucht mit anderen Abiturienten aus der Gruppe regelmäßig Schulen und motiviert dort die Mädchen und Jungen. "Es ist ein gutes Gefühl, etwas Positives beizutragen", sagt er.

Zudem entstand ein Netzwerk der religiösen Vielfalt und Toleranz. "Moslems, Juden, Christen und nicht Gläubige haben gelernt, an einem Strang zu ziehen und sich zu akzeptieren", sagt Ibrahim Ismail.

Gemeinsam mit seinem Bruder Hassan arbeitet er daran, das Universitätsprojekt auch räumlich im Stadtteil zu verankern. Alle Beteiligten hoffen, dass dieses Beispiel auch zukünftig im wahrsten Sinn des Worts Schule macht.

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