Inklusion: „Es geht ganz viel um Bewusstsein“

Inklusion: „Es geht ganz viel um Bewusstsein“

Die Inklusions- und Behindertenbeauftragte Sandra Heinen über Widerstände und Überzeugungsarbeit.

Sandra Heinen hat in den letzten Wochen die Fortschreibung des Handlungsprogramms „Ein Wuppertal für alle“ in den städtischen Gremien vorgestellt. Darin stellen die Bereiche der Verwaltung Maßnahmen vor, mit denen sie die Inklusion vorantreiben.

Gab es auch Widerstände bei der Erstellung des Berichts?

Sandra Heinen: Anfangs sagten einige Bereiche ,Bei uns kommt Inklusion nicht vor’. Da ist natürlich die Frage, warum das so ist: Tun die nichts dafür oder ist ihnen nicht bewusst, dass sie betroffene Kollegen haben? Da zeigt, dass es ganz viel um Bewusstsein geht.

Wie konnten sie skeptischen Abteilungen helfen?

Heinen: Ich erinnere mich noch, wie wir mit dem Ordnungsamt überlegt haben, was in diesem Bereich möglich ist. Und kamen dann auf die Frage, wie man bewusstmachen kann, was es bedeutet, wenn Unberechtigte auf Behindertenparkplätzen stehen. Das Ziel: Das ,Knöllchen’ umgestalten. Jetzt sind wir weg von der Amtssprache und sagen deutlich „Parke nicht auf unseren Wegen.“ Und wir haben vor, die Dienstausweise der Mitarbeiter mit Braille-Schrift zu versehen. Wie sollen Blinde sonst wissen, dass jemand eine autorisierte Person ist?

Haben Sie noch ein Beispiel?

Heinen: Die Dauerausstellung im Museum für Frühindustrialisierung wird neu konzipiert. Bei den Stadt-Mitarbeitern war der Hinweis auf Inklusion kein Problem. Aber der Designer tat sich erst mal schwer. Eine Ausstellung barrierefrei zu gestalten und so, dass sie schön aussieht, wird oft als Widerspruch empfunden.

Wie gehen Sie mit solchen Widerständen um?

Heinen: Mit Zuckerbrot und Peitsche. Ich sage einerseits: ,Das sind die gesetzlichen Vorgaben.’ Und dass wir eine Vorbildfunktion haben. Andererseits weise ich auf viele gute Ideen ihn, die es schon gibt. Da kann man sich was abgucken. Zudem gibt es Fördergelder.

Wo zeigt der Bericht Erfolge?

Heinen: Die Zahl der Inklusionsschüler an Regelschulen hat auffallend zugenommen. Es gibt aber auch viel Kritik, weil uns die Sonderpädagogen fehlen. Ein anderes Beispiel sind die Stadtteilbibliotheken: Sie haben ganz viele Bücher zu Verschiedenheit angeschafft und bieten jetzt Fortbildungen für Erzieherinnen dazu an.

Und wo ist noch was zu tun?

Heinen: Viele öffentliche Sitzungen städtischer Gremien sind noch nicht barrierefrei. Da sind Stufen, aber es fehlen auch Hilfen für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen. Eine kontrastreiche Gestaltung für Sehbehinderte ist in denkmalgeschützten Gebäuden schwierig. Auch hier im Elberfelder Verwaltungshaus wurden die Systeme nicht verlegt, die Menschen mit Hörgeräten helfen. Wir wollten auch Gebärdendolmetscher zumindest für Ratssitzungen. Das scheiterte am Ende am Geld. Dann bin ich auch traurig, dass wir zwar die gesetzlichen Regelungen haben, allen Zugang zu ermöglichen, aber keiner sanktioniert wird, wenn das nicht passiert, zum Beispiel mit Bußgeldern.

Das Programm enthält unterschiedliche einzelne Maßnahmen. Ist das nicht zu beliebig? Bräuchte man nicht ein Ziel?

Heinen: Mit einem Ziel müsste man einen Plan erstellen, schauen: Was haben wir und wie können wir das Ziel erreichen? Wir würden strukturierter arbeiten. Das ist nicht passiert. Das wäre etwa so, als würden wir einen Landschaftsgärtner bestellen. Bei uns ist es eher eine Wildblumenwiese. Ich hätte schon gern einen Landschaftsarchitekten.

Was ist zu tun?

Heinen: Für das übergeordnete Stadtentwicklungskonzept muss auch beauftragt werden, dass Inklusion vorkommt. Das wäre dann der Landschaftsarchitektenplan. Aber wir dürfen nicht warten, bis das Konzept fertig ist, sondern müssen gleichzeitig an allen Strängen weiterarbeiten.

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