Wuppertal: In Wuppertal fehlen 1000 Kitaplätze

Wuppertal : In Wuppertal fehlen 1000 Kitaplätze

Die Bevölkerung von Wuppertal wächst, Betreuungsplätze sind rar. Für die Vergabe hat jeder Träger seine eigenen Richtlinien.

Wuppertal. Sven Mai setzt seinen Sohn in den Einkaufswagen. Der junge Vater ist entspannt, denn er weiß, dass er sich um die Betreuung seiner Kinder keine Sorgen machen muss: Seine dreijährige Tochter geht ab August in die Kita, seinem einjährigen Sohn ist als Geschwisterkind ein Platz in der Einrichtung sicher. Sven Mai und seine Frau wollten am liebsten einen Platz bei einer Elterninitiative haben. „Der Betreuungsschlüssel in unserer Einrichtung ist deutlich besser“, sagt Mai. Auf eine Gruppe von 26 Kindern kommen sechs Betreuer. In städtischen Einrichtungen werden mindestens zwei Erzieher eingesetzt.

Sven Mai hat damit großes Glück: In Wuppertal fehlen aktuell 1000 Kita-Plätze. „Wir kommen bei dem Ausbau der Kitas nicht hinterher“, sagt Sozialdezernent Stefan Kühn und kann zahlreiche Gründe dafür aufzählen: „Die Jahrgänge sind deutlich stärker geworden.“ 2014 rechnete die Stadt mit 8900 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren (Ü3). Zwei Jahre später gab es in Wuppertal bereits 9600 Kinder in der Altersgruppe. Die Gruppe der Säuglinge bis dreijährigen Kinder (U3) ist im gleichen Zeitraum noch stärker gewachsen: von 8800 auf 10 200 Kinder.

„Unsere Zielvorgabe war es, für 99 Prozent der Ü3-Kinder Plätze zu schaffen“, sagt Kühn. Obwohl insgesamt 1260 Plätze innerhalb von zwei Jahren neu geschaffen wurden, reichen diese aufgrund der veränderten Bevölkerungszahlen nicht aus. „Seit 15 Jahren reden wir vom demografischen Wandel und meinten damit, wir würden immer weniger“, sagt Kühn. Seit ein paar Jahren drehe sich das Verhältnis um: die Städte wachsen.

„Früher galt man als Rabenmutter, wenn man die Kinder in die Kita gab“, sagt Cornelia Weidenbruch, Leiterin des Stadtbetriebs Kindertagesstätten. Heute sei es selbstverständlicher, Kinder in Tageseinrichtungen betreuen zu lassen. Seit vier bis fünf Jahren sei die Nachfrage nach einer verlässlichen Kinderbetreuung gestiegen. „Kindererziehung ist keine ausschließliche Frauensache mehr. Eltern wollen heute beide Familie und Beruf vereinbaren“, erklärt sie.

Hinzu kommt, dass Kinder seit 2013 ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben. Auch der Zuzug junger Familien aus dem EU-Ausland wie Polen, Italien und Spanien vergrößere die Bevölkerung. Zudem sei die Kita als erste Bildungsinstitution anerkannt.

Rund um die Platzvergabe ranken sich die meisten Gerüchte, weiß Weidenbruch. „Je nach Träger gibt es unterschiedliche Richtlinien für die Aufnahme“, sagt sie. In den 65 städtischen Einrichtungen ist das Alter des Kindes der entscheidende Faktor. „Je nach Gruppenstruktur werden Kinder aufgenommen“, sagt Weidenbruch. Ausnahmen gebe es in der Altersgruppe, die sich ein bis zwei Jahre vor der Einschulung befinde. Diese Kinder würden vorgezogen. „Egal, ob das Kind aus Aleppo, Bayern oder Wuppertal kommt“, sagt Weidenbruch mit Blick auf die Diskussion, dass Flüchtlinge bei der Vergabe bevorzugt würden.

Auch Eltern, die nachweisen, dass sie arbeiten oder sich in einer Ausbildung befinden, alleinerziehend oder sich in einer besonderen sozialen Situation befinden, haben Vorrang. Aber: Die Stadt betreibe Mangelverwaltung. „Im Beratungsservice spielen sich dramatische Szenen ab“, berichtet Weidenbruch. Ihr ist bewusst, dass die Nerven blank liegen, weil viele Eltern sich darauf verlassen haben, einen Betreuungsplatz zu bekommen. Die Eltern, die einen Platz suchten, hätten nur sich und ihr Kind im Blick, erläutert Weidenbruch. Aber die Stadt könne nicht beliebig viele Kinder aufnehmen.

Alternativen wie Tagesmütter oder die Großtagespflege - auf die die Stadt gerne verweist - wird für viele Eltern nur ein schwacher Trost sein. Denn sie sind in den meisten Fällen bereits ausgebucht.

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