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Im Alter steinreich, glücklich und schön

Kolumne : Im Alter steinreich, glücklich und schön

Uwe Becker schreibt über die Vorteile des Ruhestands.

Es ist kaum zu glauben. Da ist man nur einen Monat in Rente und schon bekommt man eine kräftige Erhöhung der Bezüge: 3,4 Prozent! Ich mache meinen Job wohl sehr gut und zur vollsten Zufriedenheit der Deutschen Rentenversicherung. Wo sonst bekommt man nach so kurzer Zeit schon eine Gehaltserhöhung? Ich habe mich auf meine Zeit als Pensionär allerdings auch sehr sorgfältig vorbereitet.

Im Alter von 30 Jahren habe ich mir bereits eine Drei-Tage-Woche verordnet, damit der Bruch, wenn ich 35 Jahre später in den Ruhestand trete, nicht allzu krass ausfällt. Meine Nachmittage habe ich in den letzten Jahren vermehrt in Eckkneipen verbracht. Dort konnte ich Rentner beim Bier trinken und Skat spielen beobachten und ihr Freizeitverhalten studieren. Von einigen Ruheständlern habe ich Beschäftigungsprofile und Statistiken über ihren Tagesablauf erstellt. Ich wollte schon ganz früh wissen, wie ich mich als Rentner effektiv positioniere, um später die freie Zeit sinnvoll nutzen zu können. Daher ging ich Jahrzehnte vor meiner Pensionierung geregelten und langwierigen Beschäftigungsverhältnissen eher aus dem Weg. Ich beschränkte mich sehr früh auf Lohnarbeit, die mir ausreichend Geld einbrachte, aber wenig Mühe und Zeit kostete.

So hatte ich viel Muße, mir Hobbys auszudenken, die später den Lebensabend hätten ausfüllen können. Meine Leidenschaft für das Sammeln von Bierdeckeln oder die kunstvolle Anfertigung von Dioramen hielt sich aber in Grenzen. Ich wollte im Alter sehr wohlhabend sein, einfach nur steinreich, glücklich und schön.

Als Kind träumte ich davon, dass in meinen Hosentaschen so viel Münzen steckten, dass ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Ich kaufte mir dann an jeder Ecke Süßigkeiten oder warf eine Handvoll Münzen in den Hut eines Bettlers. So wurden meine Taschen immer leichter und ich konnte unbeschwert, fröhlich hüpfend nach Hause. Wenn ich dann wieder raus ging, waren meine Taschen erneut voll mit Münzen. Hach, ich liebte diese Träume. Wenn die Münzen in meinen Hosentaschen klimperten, griff ich hinein und war ganz beseelt. Im Traum musste ich auch nie in die Schule. Schule war für mich immer Kinderarbeit.

Mein Vater erzählte mir einmal, dass ein Arbeitskollege nur wenige Monate nachdem er in Rente gegangen war verstarb. Er hatte 50 Jahre jeden Tag zwölf Stunden hart gearbeitet, oft auch am Wochenende. Seine Frau und seine Kinder sah er selten. In die Ferien fuhren sie auch nie, weil hierfür das Geld nicht reichte. Und dann kam der Ruhestand. Von einem auf den anderen Tag hatte er nichts mehr zu tun. Seine Frau schickte ihn jeden Morgen zum Füttern der Enten in den Park. Nachbarn fanden ihn dann irgendwann tot auf der Bank. Er ist aus Langweile gestorben.

So etwas sollte mir niemals widerfahren. Ich bin bestens vorbereitet in den Ruhestand getreten. Viele Jahre habe ich absichtlich nichts richtiges gearbeitet. Wenn ich diese Kolumne fertig geschrieben habe, was keine Arbeit ist, sondern mehr ein extremes Vergnügen, mit dem ich Ihnen gerne jede Woche eine kleine Ablenkung vom Alltag verschaffen möchte, dann setze ich mich oft an eines meiner acht Fenster und schaue hinaus oder ich nehme ein Bad. Danach creme ich mich von Kopf bis Fuß ein. Ohne Hetze und Termindruck. Auch ein Vorteil im Ruhestand.

Am liebsten wäre ich schon als Kind Rentner geworden. Als Zehnjähriger oder noch früher. In der Zeitung hätte dann gestanden, dass der jüngste Pensionist der Welt aus Wuppertal-Barmen kommt, der Stadt mit der Schwebebahn. Ins Guinness-Buch der Rekorde hätte ich es auch geschafft. Jetzt bin ich wirklich Rentner. Und wie ein kleiner Junge fühle ich mich auch noch. Im Grunde habe ich alles richtig gemacht. Jetzt muss ich nur noch überleben.