„Ich stand vor den glühenden Trümmern der Synagoge“

„Ich stand vor den glühenden Trümmern der Synagoge“

Zeitzeuge Wolfgang Kotek war zu Gast in der Begegnungsstätte Alte Synagoge und erzählte von seiner Kindheit in Elberfeld.

Anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht vom 9. November 1938 hatte die Begegnungsstätte Alte Synagoge den in Elberfeld geborenen jüdischen Arzt Wolfgang Kotek als Zeitzeugen eingeladen. Er kam gemeinsam mit seiner Frau Janneke, mit der er in Rotterdam lebt, um einen Blick zurück auf seine Kindheit zu werfen. Die hatte er bis 1938 in Elberfeld verbracht, als Sohn des polnisch-jüdischen Schneiders Max Kotek und seiner evangelischen Frau Luise.

Im voll besetzten Versammlungssaal der Alten Synagoge schilderte Wolfgang Kotek, der am 11. November 87 Jahre alt wird, seine Kindheit an der Wülfingstraße. Während er bei seinen Schilderungen meist ein freundliches Lächeln auf den Lippen hatte und auch heitere Erlebnisse schilderte, zeigten die mitgebrachten Fotos meist einen ernsten jungen Mann, der sich an die Reichskristallnacht erinnerte: „Ich stand vor den glühenden Trümmern der Synagoge.“ Nur eine von vielen jüdischen Einrichtungen und Geschäften, die geschändet, zerstört und geplündert worden waren.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt entwickelten sich seine Kindheit und frühe Jugend zu einem Trauma, das jedoch schon mit der Deportation der polnischen Juden im Oktober 1938 nach Zbaszyn (Bentschen) begonnen hatte. Zu der Zeit wagten Mutter Luise und Sohn Wolfgang sich kaum noch nach Hause, sondern besuchten meist Freunde und Bekannte. Nach der Pogromnacht verließ der gerade Achtjährige Wuppertal und lebte zunächst legal, später, nach dem Einmarsch der Deutschen, im Untergrund in Holland bei 14 verschiedenen holländischen Pflegefamilien.

„Von familiärer Wärme konnte da nicht die Rede sein“, stellte Ulrike Schrader fest, die das Gespräch mit Wolfgang Kotek einfühlsam moderierte. Misshandlungen, die Narben an Körper und Seele hinterließen, und das abscheuliche „Jud verrecke“ hatte der Junge schon vorher in Wuppertal erlebt, musste nun aber um sein Leben fürchten. Dennoch beherrscht kein Zorn den Blick zurück in seine Erinnerung. Und wie durch ein Wunder gab es nach dem Krieg nach Jahren der Trennung ein Wiedersehen mit seinen Eltern.

In Holland erlebte der junge Mann auch die Prozesse gegen die Nazi- und Kriegsverbrecher und bemerkte bei denen, die unendliches Leid über ihre Opfer gebracht hatten, keinerlei Unrechtsbewusstsein. Aber auch ihnen bescheinigte Kotek mit der Weisheit des Alters Reste von Menschlichkeit. Nach wie vor bekennt sich Kotek, der auch zu Schülern spricht, zum Judentum, hat sich aber auch da seine Kritikfähigkeit bewahrt. „Die Menschenrechte und die Menschenwürde müssen respektiert werden“, sagte der Gast unter warmem Beifall der Zuhörer. fwb

Mehr von Westdeutsche Zeitung