„Ich habe alles aufs Spiel gesetzt“

„Ich habe alles aufs Spiel gesetzt“

Die Caritas hilft süchtigen Spielern, die sich in Online-Welten verlieren.

Paul Kutscher hat zweieinhalb Jahre im Online-Spiel „World of Warcraft“ verbracht. Er meint damit keine Fantasiezeit im Rollenspiel — das ist die reale Zeit, die der 29-Jährige über mehr als ein Jahrzehnt am PC gespielt hat. Diese Zahl hat er sich jüngst einmal im Spiel anzeigen lassen. „Das hat mich schon etwas erschreckt“, sagt Kutscher (Namen von der Redaktion geändert).

Der Wuppertaler ist spielsüchtig — und damit nicht allein. Mit exzessivem und zwanghaftem Spielen beschäftigt sich die Suchthilfe der Caritas. Längst geht es dabei nicht nur um das Glücksspiel am Automaten, sondern um das Verlieren in den Welten von Onlinespielen und Handygames. Im vergangenen Jahr war jeder fünfte Suchtklient bei der Wuppertaler Caritas nicht abhängig von Alkohol oder Drogen, sondern von Computerspielen. Die Zahl stieg im vergangenen Jahr sprunghaft von zwölf auf 22 Betroffene an.

Die Dunkelziffer bei den „Gamern“ ist hoch. Kutscher berichtet: „Eigentlich alle, mit denen ich World of Warcraft gespielt habe, sind meiner Meinung nach süchtig oder suchtgefährdet.“ Nur: Andere bezeichnen das exzessive Spielen eben als „Hobby“. So hat sich das auch Kutscher nach eigener Aussage „schöngeredet“. Gespielt hat Kutscher schon als Jugendlicher an der Konsole — eigentlich wie alle in diesem Alter. 2006 fing er an, World of Warcraft zu spielen, ein Online-Rollenspiel, in dem man innerhalb einer Fantasie-Welt in die virtuelle Haut eines Charakters schlüpft und gemeinsam mit anderen Spielern Abenteuer meistert. Schnell schloss sich Kutscher einer Gruppe von rund 30 Leuten an — einer Gilde — und spielte regelmäßig. Erst drei Abende in der Woche, zum Ende hin dann sieben Tage die Woche, sechs bis sieben Stunden am Tag. Kutscher erklärt den Reiz: „Das Spielen in der Gruppe hat immer viel Spaß gemacht. Man hat Erfolge miteinander geteilt und Anerkennung erhalten.“

Vielleicht wäre es für Kutscher noch Jahre so weitergegangen, wenn nicht irgendwann der Weckruf gekommen wäre: Seine Freundin trennte sich von ihm. „Damals kam das für mich aus heiterem Himmel, dabei hätte ich die Signale sehen können“, sagt er heute. Der Vorfall traf Kutscher tief. Schnell wurde ihm klar: Das Zocken hat die Beziehung zerstört. „Direkt am nächsten Tag habe ich bei der Suchthilfe angerufen“, sagt der 29-Jährige. Zunächst habe er lediglich seiner Ex-Freundin beweisen wollen, dass es auch ohne World of Warcraft geht, inzwischen gehe er aber für sich selbst zur Gruppe.

Auch heute spielt Paul Kutscher noch am Computer, aber nicht mehr World of Warcraft und nicht mehr in der Gilde, von der für den 29-Jährigen auch immer ein gewisser Gruppenzwang ausging. „Ich will den PC nicht aus meinem Leben verbannen. Ich will aber, dass das Spielen wieder zu einem normalen Hobby für mich wird.“ Inzwischen tauscht er sich jede Woche in einer Motivationsgruppe mit anderen Süchtigen aus — hauptsächlich Alkohol- und Drogenabhängige. Doch er erkenne die Verhaltensmuster der anderen bei sich wieder.

Lena Otto (26) hat sich ähnlich wie Kutscher in einem Online-Spiel verloren. Das hat sie nicht nur die Beziehung gekostet, sondern auch ihre Arbeitsstelle. „Ich habe alles aufs Spiel gesetzt“, sagt Otto. Sie spielte einen besonderen Modus des Spiels „GTA5“, in dem das echte Leben in einer fiktiven Großstadt simuliert wird. Auch Lena Otto berichtet von echten Freundschaften, die sie durch das Spiel gewonnen hat — während sie auf der anderen Seite des Bildschirms mehr und mehr das Interesse an ihrem echten Leben verloren hat. „Ich habe meine Familie vernachlässigt, ich habe meine Hygiene vernachlässigt. Nachts habe ich von dem Spiel geträumt“, sagt Otto. In ihrem neuen Leben war die 26-Jährige Mitglied einer Motorrad-Gang und genoss das Ansehen bei den anderen Spielern. Die Freundschaften und Erlebnisse möchte sie auch heute nicht missen.

Da unterscheiden sich die beiden Spielesüchtigen von den Alkoholikern: Sie möchten ein Leben in Maßen führen können, denn: Eigentlich lieben sie das Spielen weiterhin. Doch sie bereuen, was ihre Leidenschaft aus ihrem echten Leben gemacht hat. Caritas-Berater Vincenzo Califano beschreibt die Situation so: „Die Quelle ist virtuell, aber die Gefühle sind echt.“

Zu Califano kommen zunehmend verzweifelte Eltern und Partner. Die Fixierung auf digitale Spiele, auch am Smartphone, ist ein großes Thema im Kinderzimmer und die Grenzen zur Sucht sind fließend. Der Berater sagt: „Ich denke, das Phänomen wird zunehmen, weil die Kinder heute mit Internetspielen aufwachsen.“

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