„Ich finde, Wuppertal ist noch kreativer“

„Ich finde, Wuppertal ist noch kreativer“

Cellistin Miranda Harding ist von Köln ins Tal gezogen. Hier unterrichtet sie und sucht Musiker für Kammermusik-Projekte.

Wuppertal. Freizeit ist etwas völlig Neues für Miranda Harding. Von klein auf widmete die Cellistin ihrem Instrument jede freie Minute. Schon in früher Kindheit - die Tochter britischer und malaysischer Eltern wuchs in Singapur und Australien auf - übte sie viel. Dann wurde sie mit zehn Jahren an der prestigeträchtigen „Yehudi Menuhin School of Music“ aufgenommen. „Das war eine Mühle für kleine Musiker“, erzählt die Musikerin. „Es gab ziemlich viel Konkurrenz.“ Das Internatsleben war von Musik bestimmt. Cellounterricht erhielt sie dort von Melissa Phelps und William Pleeth. Doch besonders habe sie das Kammermusik-Training dort beeindruckt, berichtet sie.

Die Musik führte Miranda Harding auch nach Deutschland: Sie wählte als Studienort Detmold, weil sie bei der Professorin Karine Georgian studieren wollte. „Ich wollte eine strenge russische Lehrerin.“ Ihr Konzertexamen legte sie bei Prof. Johannes Goritzki an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf ab. Im Zentrum stand für die Cellistin immer kammermusikalisches Musizieren, wobei sie durch den Unterricht von Mitgliedern des Amadeus Quartetts geprägt ist. Eine Orchester-Karriere kam für sie nie in Frage: „Für mich sind kleine Besetzungen schöner, mit denen man in kleinen Räumen spielt - da hat man einen direkteren Kontakt zum Publikum.“ Sie liebt es, den Zuhörern die Stücke zu erklären, mit ihnen in einen Dialog zu treten. An den ungewöhnlichsten Orten sei sie schon aufgetreten, darunter auch einmal eine Haftanstalt für schwer Kriminelle. „Die waren sehr beeindruckt von unserer Musik.“

1991 stand die Cellistin im Finale des britischen BBC-Wettbewerbs „Young Musician of the Year“ und gewann den 1. Preis beim internationalen Constantin-Silvestri-Wettbewerb in Rumänien. Sie trat als Solistin und in Kammermusik-Ensembles in der ganzen Welt auf. Von 2007 bis 2013 gehörte Miranda Harding außerdem zum Dänischen Storstroms Kammerensemble. Sie musizierte mit dem Leipziger Streichquartett, mit dem Oboisten Gordon Hunt und den Pianistinnen Natalia Troull und Jania Aubakirova. „Ich kenne keine Heimat“, sagt die 41-Jährige. Zeit ihres Lebens war sie nur auf Reisen. Bis eine Schulterverletzung sie 2014 zu einer Auszeit zwang.

Seitdem lebt sie in Wuppertal bei ihrem Mann Bruno Ventocilla, der an der Bergischen Musikschule Cello unterrichtet. „Ich habe früher in Köln gewohnt - da sagt man immer, dass es dort so kreativ sei. Ich finde, dass Wuppertal noch kreativer ist“, betont die Musikerin. Sie genießt die Atmosphäre in Wuppertal, wo sie schnell Kontakte geknüpft hat. Trotzdem findet sie ihre Pause immer noch ungewohnt: „Ich kenne das nicht, so lange an einem Ort zu sein.“ Deshalb hat sie nach dem Brexit-Beschluss der Briten die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Schließlich erlaubt kaum ein anderer Pass Reisen in so viele Länder wie der deutsche.

Nachdem ihre Schulter jetzt wieder die ausladenden Bogenbewegungen des Cellospiels erlaubt, fängt die Cellistin allmählich wieder an. Sie unterrichtet einige Schüler privat und sucht Musiker für Kammermusik-Projekte. Vor kurzem trat sie in einer Lesung gemeinsam mit Ingeborg Wolff auf. In den Sommerferien reist Miranda Harding wieder nach Malaysia: Dort gibt sie gemeinsam mit ihrem Mann Cellokurse an einer Musikschule. Langfristig hofft sie, dort Streichinstrumente populär zu machen und ein erstes Orchester in Malaysia zu ermöglichen.

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