Honorar-Reform: Ärzte im Tal bangen um ihre Existenz

Honorar-Reform: Ärzte im Tal bangen um ihre Existenz

Betroffen sind vor allem Chirurgen und Orthopäden. Den Patienten drohen lange Wartezeiten und höhere Kosten für die Behandlung.

Wuppertal. Kurz vor Weihnachten flatterte den Fachärzten in Wuppertal ein neuer Honorarbescheid ins Haus, jetzt schlagen sie Alarm: Vielen Praxen drohe die Insolvenz, die fachärtzliche Versorgung im Bergischen sei gefährdet. "Einige Kollegen sagen ganz klar, mit dem Honorar sind wir pleite, Entlassungsschreiben sind schon raus", sagt Orthopäde Dr. Steffen Kauert, der seit über 20 Jahren eine Praxis an der Kaiserstraße hat.

"Wir bekommen im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent, in Einzelfällen bis 50 Prozent weniger Honorar als 2008", schildert Kauert die Lage. Dabei habe er bereits im vergangenen Jahr an seinen Kassenpatienten keinen Pfennig verdient - und das trotz voller Praxis. Ein Ausgleich sei nur über Akupunktur, Leistungen, die privat bezahlt werden, oder über Privatpatienten möglich.

Hintergrund der Veränderung ist die Honorar-Reform: Seit Januar gibt es keine Praxisbudgets mehr, sondern jede medizinische Fachgruppe erhält pro Quartal eine festgeschriebene Versorgungs-Pauschale (Regelleistungsvolumen) - unabhängig davon, wie oft der Patient kommt und behandelt wird. Orthopäden bekommen beispielsweise 30,11 Euro, Chirurgen 30,88 Euro, Frauenärzte nur 15,96 Euro pro Patient und Quartal.

Die Folgen für die Ärzte sind dramatisch - auch für Dr. Peter Diekstall, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie: "Der Umsatzeinbruch ist drastisch und kann nicht länger durch Privatpatienten ausgeglichen werden." Aus diesem Grund habe er bereits zwei Mitarbeiter entlassen müssen. "Unter diesen Umständen können wir die Infrastruktur nicht mehr gewährleisten."

Karin Hamacher, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, befürchtet gar, dass unter diesen Umständen "ein Fünftel der Ärzte von der Pleite bedroht sind." Die KV versuche, die betroffenen Ärzte zu unterstützen.

Auch für Patienten sind die Einschnitte spürbar. So hängt zum Beispiel in der Praxis des Orthopäden Diekstall ein neuer Leistungskatalog aus: Teile der Versorgung müssen in Zukunft privat abgerechnet werden - zum Beispiel bei chronischen Verspannungen. Bisher konnten Kassenpatienten eine mehrwöchige Spritz-Therapie bei Nackenverspannungen abrechnen, jetzt kommen auf sie Zusatz-Kosten von rund 100 Euro zu. "Wir können das als Routineversorgung so nicht mehr finanziell leisten", sagt Diekstall.

Steffen Kauert rechnet mit kürzeren Sprechstunden- und folglich deutlich längeren Wartezeiten. Er ist überzeugt: "Es wird dazu kommen, dass Ärzte ihre Patienten nach Hause schicken, mit der Begründung: ,Wir können in diesem Quartal aus betriebswirtschaftlicher Sicht nichts mehr für sie tun.’" Wenn sich an der Situation nichts ändere, sehe er sich gezwungen, seine Kassenpraxis "schweren Herzens" zu schließen.

Dr. Joachim Wittenstein, Vorsitzender der Kreisstelle der Kassenärtzlichen Vereinigung Wuppertal und damit Sprecher der niedergelassenen Ärzte, kann die Sorge der Chirurgen und Orthopäden gut verstehen. Die Honorarreform sei ein "Kahlschlag ohne die Berücksichtigung der unterschiedlichen Praxisstrukturen". Besonders hart treffe es Chirurgen und Orthopäden mit wenigen zusätzlichen Einnahmequellen. Aber auch die Nervenärzte und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte seien betroffen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung