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Haus und Grund: „Wuppertal kommt beim Thema Neubau nicht vom Fleck“

Interview : „Wuppertal kommt beim Thema Neubau nicht vom Fleck“

Interview Hermann Josef Richter, Vorsitzender von Haus und Grund Wuppertal und Umgebung, im Gespräch über Hausbau, Grundsteuer und das 140-jährige Vereinsbestehen.

Herr Richter, Glückwunsch zu 140 Jahren Haus und Grund: Was meinen Sie – worüber würde sich ein Immobilienbesitzer aus dem Jahr 1879 wohl am meisten wundern, wenn er per Zeitreise im heutigen Wuppertal ankäme?

Hermann Josef Richter: Er wäre erfreut darüber, wie einfach es heute ist, Baumaterialien zu bekommen und wie hoch qualifiziert unser Bauhandwerk ist. Andererseits könnte er sicher nicht verstehen, welch ein bürokratischer Aufwand nötig ist, um ein Haus zu bauen und wie lange es bis zur Baugenehmigung dauert.

Welche Schwierigkeiten stellen sich Hausbesitzern heutzutage?

 Hermann Josef Richter
Hermann Josef Richter Foto: Haus und Grund/Michael Mutzberg

Richter: Wohnungseigentümern wird es immer schwerer gemacht, ihr Haus instand zu halten und den immer mehr werdenden Verordnungen und Auflagen zu entsprechen. In Wuppertal hat es beispielsweise bis zu vier Jahre gedauert, um nach der Umstellung der Wasserabrechnungen von den WSW zur Stadt korrekte Abrechnungen zu bekommen. Das Nachsehen hatten bei Mieterwechsel nicht selten die Vermieter. Hier bieten wir als Haus und Grund unsere Hilfe an.

Die Wohnungsnot in den Ballungsräumen lässt sich nicht von der Hand weisen. Wie schätzen Sie die Situation im Bergischen ein? Was müsste getan werden?

Richter: In Wuppertal zum Beispiel kommt man beim Thema Neubau nicht vom Fleck. Zwar haben die beiden großen Parteien entsprechende Beschlüsse gefasst, Bauland auszuweisen, aber geschehen ist bis jetzt nach über einem Jahr nichts – außer der Einsetzung eines Beratungsunternehmens, das Flächen finden soll. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht und Mut zu Entscheidungen hat, wird genügend Flächen zur Wohnbebauung finden. Es gibt viele ehemalige Industriebrachen auf der Talsohle, die sich heute für Gewerbe nicht mehr eignen.

...und unattraktive Wohnungen in schwierigen Lagen, die niemand bewohnen will.

Richter: Richtig. In unserer Stadt haben wir noch viele tausend Leerstände, die saniert werden müssen. Auch hier sollte es Hilfestellungen geben. Gleichzeitig aber muss auch bei uns neu gebaut werden. Wir brauchen in Deutschland ein neues Modell „Sozialer Wohnungsbau“. Darüber sollte Politik nachdenken, statt in die ideologische Mottenkiste zu greifen.

Ideologische Mottenkiste?

Richter: Der Trend vom Land in die Stadt lässt sich ja nicht erst seit gestern beobachten. Doch Zwangsmaßnahmen von der Mietpreisbremse bis neuerdings zur Diskussion, Wohneigentum zu verstaatlichen, schaffen keine einzige neue Wohnung, sondern machen nur – ideologisch verblendet – den Vermieter zum Prügelknaben. So soll vom Versäumnis der Politik abgelenkt werden, rechtzeitig ausreichenden Wohnungsbau dort zu ermöglichen, wo durch stärkeren Zuzug Wohnraum fehlt.

Bei der vieldiskutierten Verstaatlichung sind aber ja vor allem große, börsennotierte und oft zu Recht kritisierte Wohnungsgesellschaften gemeint, nicht der private Hausbesitzer. Sollte es für diese Konzerne nicht mehr Regulierung geben?

Richter: Die aktuelle Verstaatlichungsdiskussion richtet sich gegen jeden Hauseigentümer. Der Juso-Vorsitzende war ja sogar der Meinung dass niemand mehr als eine Wohnung besitzen sollte. Mehr Regulierung bringt keine einzige neue Wohnung, die wir dringend benötigen.

Bauland kostet, Häuser kosten, die Preise sind auch hier kräftig gestiegen – und damit gleichfalls die Mieten.

Richter: Nein! Nach jahrelangem Rückgang bzw. Stillstand bei den Mieten ist es in Wuppertal durch den neuen Mietpreisspiegel zu geringfügigen Änderungen gekommen. Diese moderate Veränderung liegt aber noch deutlich unter der Steigerung der Lebenshaltungskosten.

Wie sehen Sie die aktuelle Debatte zur Grundsteuer?

Richter: Wir wollen kein neues Bürokratiemonster, sondern eine einfache, für jeden Bürger transparente Berechnungsgrundlage. Die Summe aller Vor- oder Nachteile ist für Eigentümer wie auch Mieter bei dem Flächenmodell am geringsten. (Siehe Kasten unten, Anm. d. Red.)

Thema Denkmalschutz. Einerseits gibt es in Wuppertal viele denkmalgeschützte Objekte. Andererseits wirken viele der Häuser vernachlässigt, weil beispielsweise Eigentümergemeinschaften bürokratische Hürden scheuen und das Wuppertaler Denkmalamt fürchten. Wie ist Ihre Erfahrung?

Richter: Das hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Hilfestellung der Stadtverwaltung ist vorhanden – vom Denkmalschutz bis zur Quartiersentwicklung werden die privaten Hauseigentümer gut unterstützt. Allerdings müssen auch vernünftige Mieten die Finanzierung solcher Maßnahmen möglich machen.

Warum sind Gemeinschaften wie Haus und Grund heute noch wichtig?

Richter: Eine bürgerliche Gesellschaft lebt von der Sicherheit des Eigentums, es ist das Fundament unserer sozialen und wirtschaftlichen Ordnung. Mehr und mehr wird aber von einigen Politikern und Parteien diese Selbstverständlichkeit in Frage gestellt. Umso wichtiger ist es, dass wir starke Haus- und Grundeigentümerverbände haben.

…mit zahlreichen Geldanlegern, die mehr und mehr von der Wohnungsmisere profitieren.

Richter: Wir vertreten die Interessen der privaten Eigentümer, die ordentlich mit ihren Mietern umgehen und sie als Partner sehen. Die einen emotionalen Bezug zu ihrem Eigentum haben und es deshalb auch hegen und pflegen. Und die, wenn es einmal Probleme gibt, miteinander reden statt zu prozessieren.