Handwerk in Wuppertal: „Was haben wir denn zu verlieren?“

Wirtschaft : Handwerk im Bergischen: „Was haben wir denn zu verlieren?“

Auf einer bergischen Regionalkonferenz mit Minister Andreas Pinkwart plädierte das Handwerk für mehr Zusammenhalt im Städtedreieck.

Das Motto der Regionalkonferenz des bergischen Handwerks hätte lauten können: Gemeinsam sind wir stark – lasst es uns doch mal probieren. Zur größten Regionalkonferenz der vergangenen 20 Jahre im Regierungsbezirk Düsseldorf hatten die Handwerkskammer Düsseldorf, die Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal und die Kreishandwerkerschaft Remscheid gemeinsam eingeladen. Rund 100 Besucher waren in den Concordia-Bau am Barmer Werth gekommen, darunter außer den Oberbürgermeistern Andreas Mucke und Tim Kurzbach für Wuppertal und Solingen auch NRWs Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP).

Einig war man sich über die entscheidende Stellung des Handwerks im Bergischen Städtedreieck. Kreishandwerksmeister Arnd Krüger zählte auf: „Unser Handwerk im Städtedreieck hat rund 7650 Betriebe, 36 000 Mitarbeiter, 2288 Azubis und rund drei Milliarden Euro Umsatz.“ Somit weise das Handwerk 15 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze vor. Dem stellte Krüger jedoch traurige Zahlen gegenüber: 68 500 Menschen in den drei Städten sind Empfänger von Sozialleistungen. Wuppertal führt die Negativstatistik im Bergischen an, hier liegt die Unterbeschäftigungsquote bei 14,7 Prozent. „Diese Zahlen sind absolut erschreckend“, sagt Krüger. Und kritisch merkte er an: „Festzuhalten ist, dass der bisherige Strukturwandel im Bergischen nicht bewältigt ist und die Folgen der digitalen Revolution noch vor uns liegen.“ Und: Das Thema, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren fast jedem dritten Handwerksbetrieb wegen einer fehlenden Nachfolger-Regelung das Aus droht, schnitt Krüger nur kurz an. 68 500 Menschen als „Verlierer“ des Arbeitsmarkts, Krüger forderte auf, das auch als Chance zu begreifen, eine Flucht nach vorn: „Was haben wir denn zu verlieren?“

Arnd Krüger wünscht sich mehr Austausch in der Region

Krüger wollte ermutigen, stärker auf das Leitbild der „Unternehmerregion“ Bergisches Städtedreieck zusteuern. Mehr Austausch, mehr gemeinsam im Städtedreieck. „Eigeninteresse ist legitim, Egoismus jedoch nicht“, so der Kreishandwerksmeister. Sein Beispiel: „Lassen wir Remscheid doch bitte das Outlet-Center bauen und wünschen dabei unseren Freunden dort viel Erfolg.“

Andreas Ehlert, Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf, lenkte den Blick auf gute, in der Region entwickelte Ansätze: „Mit der Bergischen Uni experimentieren wir beispielsweise mit Formaten, wie wir Bachelor-Absolventen für eine Karriere im Handwerk und für Aufgaben der Unternehmensführung interessieren können.“

Schon NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart hatte in seinem Auftaktvortrag das Bündeln von Stärken angesprochen. Natürlich dachte der Minister dabei mehr an Nordrhein-Westfalen als Einheit. „Wir müssen unsere Vorhaben immer in die Gesamtregion einbetten, dann haben wir mehr Möglichkeiten“, so Pinkwart. Seine Bemerkung, dass es ihm persönlich egal sei, ob sich ein Unternehmen in Wuppertal oder eben in Düsseldorf ansiedelt, ließ einige Gäste allerdings schon etwas zusammenzucken.

Pinkwart lobte in seinem Vortrag auch die angestrebte bessere Vernetzung im Bergischen: „Die Regionalkonferenz stärkt diese Kooperation des bergischen Handwerks und bietet den Raum, alle Akteure in den Dialog zu bringen und neue Initiativen für die Region anzustoßen.“ Das helfe der Region durch die Herausforderungen der Zeit: Globalisierung, Digitalisierung und Neo-Ökologie.

Digitalisierung sei an sich nichts Neues und für viele Betriebe seit dem Beginn der Automatisierung bekannt. Die zweite Welle dieser Entwicklung sei jedoch in der jetzigen Phase so besonders, weil sie so schnell auf die Gesellschaft zukommt. „Das Neue ist der Faktor Zeit. Wir müssen in der Umsetzung schneller werden“, stellte der Wirtschaftsminister fest.

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