Hackerspace räumt mit Klischees auf

Hackerspace räumt mit Klischees auf

Der Verein /dev/tal hilft Wuppertalern bei der Reparatur von Elektrogeräten. Außerdem tüfteln die Mitglieder an Programmen.

„Alles“, sagt Benedikt freimütig, „bekommen selbst wir nicht mehr hin.“ Aber ziemlich vieles. Vom alten Radio über den Drucker bis zu Toaster und Kaffeemaschine bringen die Besucher einmal im Monat alles mögliche an — defektem — technischen Gerät ins Repaircafè im Mirker Bahnhof. Nicht zum reparieren lassen, wie Benedikt betont, sondern zum selber reparieren unter Anleitung. „Wir geben dann Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt der 2. Vorstand des Vereins /dev/tal, der 2012 das Repaircafé als regelmäßige Veranstaltung ins Leben rief. Die Hilfe ist übrigens kostenlos, man freue sich aber über Spenden — die unter anderem auch schon mal in Form eines Kuchens kamen.

Foto: /dev/tal

Vom Namen her, könnte man meinen, hat der Verein eigentlich anderes zu tun. Schließlich bezeichnet sich /dev/tal auch als Hackerspace Wuppertal. Doch wer denkt, die Mitglieder hängen nur vor dem Computer und schleichen sich in andere Systeme ein — was Hacker laut Darstellung gerade in Filmen halt so machen — ist auf der ganz falschen Fährte. „Bitte nicht diese Klischees“, winkt Benedikt ab. „Hacking ist nichts Kriminelles“. Schmunzelnd erzählt er die Anekdote, dass jemand den Verein schon mal gebeten habe, „ob wir nicht den Facebook-Account seiner Freundin hacken können“. Das habe man natürlich nicht gemacht. Könnten Sie es denn technisch? Der 33-Jährige grinst. Natürlich können er und die anderen gut mit dem Computer umgehen. Grundsätzlich, erklärt Benedikt, gehe es den mehr als 70 Mitgliedern aber darum, „sich kritisch mit Technik und Elektronischer Infrastruktur auseinanderzusetzen“. Und vor allem um eine Verbindung von analoger und digitaler Welt. „Eine Idee ist ja auch erst einmal analog.“

Foto: /dev/tal

Um praktische Umsetzungen ist der Verein bemüht. Etwa ganz aktuell bei den eigenen Umzugsvorbereitungen. Wenn alles klappt, zieht /dev/tal Mitte Juli in die ehemalige Gepäckabfertigung (GPA) des Bahnhofes. Mitglieder schreiben derzeit an einem Programm, das künftig die Lagerhaltung der vielen Sachen vereinfacht, etwa über Strichcodes; und ein neues Lagerhaltungssystem gleich bei einem Umzug einzuführen, erscheint praktisch, wenn man eh alles einmal in die Hand bekommt, erklärt Benedikt. Das fertige Programm wird dann unter einer offenen Lizenz für alle zugänglich im Netz für jedermann zu Hause nutzbar gemacht werden.

Bei der Sanierung der GPA tauschten die Hacker übrigens die Rollen. Unter Anleitung von Profi-Handwerken arbeiteten Benedikt & Co. dann zum Beispiel auf dem Dach. Für viele auch Neuland.

„Uns ist der Geist des Miteinanders wichtig“, sagt Benedikt. So gebe es immer wieder Projekte zusammen mit der Bergischen Uni, anderen Vereinen und Initiativen und hin und wieder auch Firmen in der Stadt sowie der Stadtverwaltung selbst. Und wenn Utopiastadt was mache, „sind wir eigentlich auch immer irgendwie dabei“.

Mit dem Standort im ehemaligen Bahnhof habe man viel Glück gehabt, betonen die Hacker. Utopiastadt sei ein gutes Beispiel dafür, „wie Stadtentwicklung aussehen kann, wenn sie vom Bürger ausgeht. So etwas müsste es eigentlich in jeder Stadt geben“, sagt der 33-Jährige, von Haus aus Bürokaufmann. Zum Programmieren kam er eher durch Zufall. Aus Versehen hatte er sich einen Rechner ohne Betriebssystem gekauft — und entschied sich dann, auf Windows zu verzichten und es mit Linux zu versuchen.

Christian Hampe, Mitbegründer von Utopiastadt, ist voller Lob über /dev/tal: „Ein hoch auf deren Engagement.“ Der Verein zeige gut die Heteterogenität rund um den Bahnhof, „vom Gärtner bis zu technisch affinen Leuten“. Interdisziplinär könnte so eine kritische Masse geschaffen werden, Dinge in Gang zu bringen.

Die Bandbreite der Themen, die der Verein beackert, ist groß, wie Michael (44) erklärt. Da gibt es Mitglieder, die zum Beispiel aus alten Display-Boards der WSW-Busse —eine Uhr basteln — und andere, die sich über „OpenDatal“ für mehr Bürgerbeteiligung und sich für die Aufbereitung von großen allgemeinnützlichen Datenmengen engagieren.

Ob Vorratsdatenspeicherung oder die neue Datenschutzverordnung — Diskussionsbedarf sehen Benedikt und Michael bei vielen Punkten. Der Politik, das sei zu erkennen, „geht es darum, die Bürger zu schützen“. Aber, da sind sich die beiden einig, „an der handwerklichen Umsetzung hapert es“. So nahm der Verein auch an der Demonstration am 7. Juli gegen das verschärfte Polizeigesetz in der Landeshauptstadt Düsseldorf teil.

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