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Gunhild Böth: Ich kenne doch meine Bundespartei

Wuppertaler Politik : „Ich kenne doch meine Bundespartei“

Scharfer Verstand, Humor, ultralinke Gesinnung: In Gunhild Böth verliert Wuppertals Kommunalpolitik einen ebenso streitbaren wie umstrittenen Profi.

Von der Linken in Deutschland wissen die allermeisten nicht so recht, was sie von ihr halten sollen. In Teilen wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet, weil Treue zum Grundgesetz nicht als durchgehend erwiesen gilt. In Teilen setzt sie sich zusammen aus DDR-Nostalgikern, Post-Kommunisten, pragmatischen Sozialisten – und Gunhild Böth. Die 67 Jahre alte pensionierte Gymnasiallehrerin hat viele Kollegen im Wuppertaler Stadtrat und im Landtag von NRW das Fürchten gelehrt. Rot, roter, Gunhild. „Ich bin sicher nicht am weitesten links bei den Linken“, sagt sie. Da gebe es ganz andere. „Ich kenne doch meine Bundespartei.“

In Wuppertal kennen die politisch Interessierten Gunhild Böth. Viele hat sie am heutigen Johannes-Rau-Gymnasium in Politik und Sozialwissenschaften unterrichtet, nicht immer mit dem von ihr vermutlich gewünschten Erfolg. Einer ihrer Schüler ist heute bei der Wuppertaler FDP unterwegs. „Wir verstehen uns trotzdem prima“, sagt Böth. Das gilt überhaupt für das Verhältnis zu vielen Kollegen im Rat, unabhängig von der Partei. Gunhild Böth ist respektiert und wegen ihres Humors selbst bei politisch erbitterten Widersachern geschätzt. Sie zählte zu den Profis im Stadtparlament, was vielleicht auch mit ihrer Vergangenheit als Landtagsabgeordnete zu tun hat. Als Vizepräsidentin des Hohen Hauses machte Böth allerdings ungewollt und nicht zum eigenen Vorteil bundesweit auf sich aufmerksam. In einem Interview ließ sie sich zu der Aussage hinreißen, die DDR sei „in Toto kein Unrechtsstaat“ gewesen. „Das war aus dem Zusammenhang gerissen“, beklagt sie heute noch. „Ich habe nämlich auch gesagt, dass es in der DDR viel Unrecht gegeben habe. Aber das wurde aus dem Interview herausgeschnitten.“

Gleichwohl ist Böth heute noch der Ansicht, dass an der DDR nicht alles schlecht gewesen sei. Alleinerziehende Mütter beispielsweise hätten es dort besser gehabt als die im Westen. Und gemessen an den Reparationszahlungen an die Sowjetunion sei doch bemerkenswert, was die DDR erreicht habe. Und die gewaltfreie Revolution 1989 ist aus ihrer Sicht auch nicht das Verdienst der Bürger, sondern den Parteifunktionären zu verdanken, die nicht auf ihre Landsleute hätten schießen lassen wollen. Gunhild Böth leistet sich immer schon eine gewisse Eigenwilligkeit.

Deshalb ist es für sie auch kein Widerspruch, dass sie als ehemaliges Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei einen Teil ihres Einkommens aus Vermietung bezieht. Na ja, ich habe ein altes Vier-Familienhaus in Langerfeld und nehme nicht mehr als 5,50 Euro pro Quadratmeter.“ Mithin ist Eigentum also doch kein Diebstahl.

Aber er kann nachteilig sein und Nachteile auslösen. Böth gehört zu den Linken, die Konsum nicht viel abgewinnen können. In Teilen hält sie ihn sogar für schädlich, dann zum Beispiel, wenn sich Jugendliche über die Marke ihres Mobiltelefons definieren. Das übe dann hohen Druck auf Jugendliche aus, die sich nicht viel leisten könnten. Also bleibt sie bei der Forderung, dass der Kapitalismus gebändigt werden müsse, dass Lebensqualität sich nicht an Reichtum orientieren dürfe, sondern von der Balance zwischen Arbeit und Freizeit geprägt sein müsse. „Trotzdem gehöre ich nicht zu denen, die sagen Kampf dem oder weg mit. Die Alternativen dazu müssen funktionieren, und zwar nicht erst, wenn wir den Sozialismus haben.“

Von diesem Ziel weicht Gunhild Böth nach all den Jahren in der Opposition und trotz geringster Aussicht auf Umsetzung nicht ab. Sie bleibt sich halt treu, und sie hat Humor genug, das ewige Scheitern der Linken zu ertragen. Außerdem, sagt sie, habe es ja auch Erfolge gegeben. „Der Mindestlohn war ebenso eine Forderung der Linken wie der Altschuldenfonds.“ Der eine ist da, der andere soll kommen. Erreicht, vereinbart haben das SPD und CDU. Die Linke saß am Katzentisch, so wie sie es seit jeher in Wuppertal tut. Nur Gunhild Böth wird dort in Zukunft nicht mehr Platz nehmen. Ein Jahr noch ein bisschen Kommunalpolitik, ein Rückzug in Raten. Dann wird neu gewählt. Ohne Gunhild Böth. Die Gesundheit lässt den Stress nicht mehr zu. Die meisten im Rat werden aufatmen – und die streitbare, umstrittene Linke gleichzeitig ein wenig vermissen. Echte Gegner sind rar.