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Offen gesagt: Grüne Ganzkörperdaumen

Offen gesagt : Grüne Ganzkörperdaumen

Oliver Zier hat überlebt. Er steht nicht am Pranger, hat keine Beulen oder blaue Flecken davongetragen. Aber es war knapp. Denn der Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GWG) hat schwere Schuld auf sich geladen.

Nicht unmittelbar, aber mittelbar. Von ihm beauftragte Gärtner haben vor GWG-Häusern am Domakgweg gearbeitet, nein gewütet. Ganze Grünstreifen fielen den Experten zum Opfer. Nun ist da nichts mehr, nichts als Erdreich, braun, nicht grün. Und das ausgerechnet dort, wo Sylvia Meyer wohnt. Sylvia Meyer, die Fraktionsgeschäftsführerin der Grünen im Rathaus, die ehemalige Bundestagskandidatin des Grünen-Kreisverbandes. Der Rest ist Geschichte. Zier ist mit dem Schrecken davongekommen, aber die Bezirksvertretung Uellendahl-Katernberg wird sich des Skandals am Donnerstag noch annehmen. Ein Dringlichkeitsantrag zwingt sie dazu.

Ähnlich dramatisch ging es jetzt in der Döppersberg-Kommission zu. Dort hatte der dunkelrote Bernhard Sander sein grünes Herz entdeckt und sich wortreich, aber inhaltsarm an eine Platane gekettet, die an einer Krankheit leidet, die klanglich an Masern erinnert. Sein unter allerletztem Einsatz verfolgtes Ziel, den armen, kranken Baum zu retten, erreichte Sander nicht. Der Baum wird gefällt, er weicht dem irgendwann einmal beginnenden Neubau des dringend erforderlichen Süchtigen-Treffpunktes Café Cosa neben dem Primark-Gebäude am Döppersberg. Ob die längst geplanten Neupflanzungen dereinst mit den Tränen Sanders gegossen werden, ist nicht überliefert. Vielleicht muss sich die Baubegleit-Kommission mit dieser Frage noch auseinandersetzen.

Und schon dräut neues Ungemach. Wuppertal braucht Flächen, es braucht Bauland für Wohnungen, Häuser und Land für Gewerbe. So will es die Landesregierung und so hat es die Bezirksregierung der Stadt Wuppertal auch schriftlich gegeben. Früher hätte die hiesige CDU sich aus dieser Forderung ein Fest gemacht und Flächen in einem Umfang ausgewiesen, wie ihn Wuppertal nicht braucht. Heute verbirgt sie diese Forderung in einem diplomatischen Gewölk, auf dass niemand sofort erkennen möge, was die CDU für notwendig hält, vor allem der grüne Partner im Rathaus nicht.

Was ist geschehen? Das: Der ökologische Zeitgeist hat Wuppertal erfasst. Seit es auch in der Bergischen Metropole Fridays for Future gibt, ticken die Uhren im Rathaus anders. Niemand traut sich mehr zu sagen, dass zur Grünpflege auch durchforsten gehört, dass altes Gehölz mitunter neuem weichen muss, damit es dem Wald insgesamt gut geht. Niemand will mehr offiziell zur Kenntnis nehmen, dass Wuppertals Grünflächen in den vergangenen zehn bis 15 Jahren zum Glück erheblich gewachsen sind. Jeder Strauch, der leider im Wege steht, führt heute zu einer Grundsatzdebatte, egal wie viele Bäume als Ersatz gepflanzt werden. Das gleiche ist halt nicht dasselbe. Das Problem ist nur, dass aus diesem Verhalten Stillstand resultiert, nicht Fortschritt. Den aber hat Wuppertal dringend nötig, weil in wenigen anderen Städten Deutschlands die maßgeblichen wirtschaftlichen Kennzahlen so schwach sind wie in der Stadt von Friedrich Engels und Friedrich Bayer.

Von all dem unberührt hat die Bäckerinnung mit den Städten im Bergischen Land nun einen neuen Versuch unternommen, mit einem Pfandsystem den leidig-lästigen Pappbechern für den anscheinend überlebenswichtigen Unterwegs-Kaffee den Kampf anzusagen. Das verdient Applaus und Anerkennung. Vor allem aber verdient es Erwähnung. Es zeigt nämlich, dass der Erkenntnis, dass Umwelt zerbrechlich, pflegebedürftig und erhaltenswert ist, auch ohne ideologische Dauerdebatten einfache, pragmatische und vor allem sinnvolle Konsequenzen folgen können.

So viel Nüchternheit wäre denen im Rathaus und denen im Ratssaal zu wünschen. Natur und Stadtentwicklung sind keine Widersprüche. Sie sind Partner, wenn sie partnerschaftlich behandelt werden, sie tragen Früchte, wenn nicht die eine gegen die andere ausgespielt wird.

Davon ist Wuppertal derzeit meilenweit entfernt, weil die Gestalter und die Verwalter sich im Retten von Bäumen gegenseitig überholen. Selten hat das Bild vom Kind, das mit dem Bade ausgeschüttet wird, so gestimmt wie dieser Tage in Wuppertal. Das ist ausgesprochen bedauerlich, weil die grünen Ganzkörperdaumen ihrem eigentlich richtigen Ansinnen hartleibig einen Bärendienst erweisen. Nicht auszudenken, dass die ökologische Grundstimmung im Lande sich in ihr Gegenteil verkehrt, weil die Leute es leid sind, monatelang von Debatten über zwei, drei kranke Platanen aufgehalten zu werden. Auf das dann drohende Kettensägen-Massaker im Burgholz, in der Gelpe oder auf der Kleinen Höhe kann Wuppertal sehr gut verzichten.