Gewerkschaft: „Alle Schulen haben ein Gewaltproblem“

Bildung : Gewerkschaft: „Alle Schulen haben ein Gewaltproblem“

Im Schnitt kam es 2019 an Wuppertals Schulen jeden Monat zu einer Gewalttat mit Polizei-Einsatz. Gerade junge Lehrer seien angesichts von Gewalterfahrung oftmals ohnmächtig.

Raub, Randale, Bedrohung - die Polizei wurde in diesem Jahr 13 Mal zu Einsätzen an Wuppertals weiterführende Schulen gerufen. Das teilte die Behörde auf Anfrage der WZ mit. Betroffen sind alle Schulformen, dieses Jahr habe es allerdings keinen Einsatz auf einem Gymnasium gegeben. Im November schaffte es ein Zwischenfall mit 36 Verletzten an der Realschule Hohenstein in die Schlagzeilen. Ein Unbekannter hatte vermutlich Reizgas versprüht.

Dieser Fall mag eine Ausnahme sein, Gewalt und Konflikte sind es an Wuppertals Schulen aber generell nicht. Das sagt zumindest Personalrat Tino Orlishausen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Wuppertal. „Jede Schule hat ein Stück weit ein Gewaltproblem“, so Orlishausen. Gerade junge Lehrer seien angesichts von Gewalterfahrung oftmals ohnmächtig. „In den meisten Fällen erfahren Lehrer zwar keine körperliche Gewalt, aber psychische Gewalt in Form von Drohungen“, sagt Orlishausen. Er fordert, dass das Land bessere Fortbildungsprogramme bietet und plädiert für eine „Kultur der Offenheit“.

Kritik an Zusammenarbeitmit dem Jugendamt

Schließlich seien Gewalterfahrungen an Schulen bei den Betroffenen oft mit Scham belastet. „Gerade junge Kollegen haben Angst, dass ihnen diese Übergriffe als Schwäche ausgelegt werden.“ Klar wird: Auseinandersetzungen gibt es im Schulalltag mehr als die Polizei-Statistik vermuten lässt.

Das liegt sicher auch daran, dass die Schulen versuchen, Konflikte erst einmal intern zu regeln oder durch Prävention abzuwenden. Svea Marxmeier, Rektorin an der Doppel-Hauptschule Barmen-Südwest, berichtet von einem Netzwerk von Ansprechpartnern von der Erziehungsberatungsstelle bis hin zur Polizei, die bei Problemen mit Schülern hinzugezogen werden. Regelmäßig besucht ein Bezirksbeamter die Schule und klärt die 14-Jährigen darüber auf, was es bedeutet, strafmündig zu sein. Um die jeweils 220 Schüler an zwei Standorten kümmern sich regulär zwei Schulsozialarbeiter, derzeit ist aber nur eine Stelle besetzt.

Die Hauptschule Oberbarmen hat 360 Schüler und drei Schulsozialarbeiter. Konrektorin Sabine Ewich kann das erklären: „Wir liegen hier an der Hügelstraße in einem sozial schwachen Gebiet, mit einer hohen Anzahl von Menschen, die auf das Jobcenter angewiesen sind.“ Es lernen hier Kinder aus mehr als 25 Nationen.

Zu Konflikten komme es aber nicht primär wegen der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, sagt Ewich. Sie hat festgestellt, zu handfesten Auseinandersetzungen führten oftmals Lapalien. „Viele unserer Schüler haben nicht gelernt, angemessen mit Provokationen umzugehen“, sagt die Pädagogin. Genau dort, beim emotionalen Lernen, versucht die Schule anzusetzen. „Bei uns lässt sich Wissensvermittlung und Erziehung nicht trennen. Jeder Lehrer ist auch ein Sozialarbeiter“, sagt Ewich.

Allerdings stoße man auch immer mal wieder auf junge Menschen, bei denen Schule allein nicht mehr helfen könne. An dieser Stelle seien die Einrichtungen auch auf die Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Jugendamt angewiesen - die leider wegen des Personalmangels bei der Stadt nicht immer gut funktioniere. „Wir hatten einen prominenten Fall, bei dem in jungen Jahren große soziale und psychologische Probleme offensichtlich wurden“, schildert Ewich. Nach Ansicht der Schule hätte diesem Jugendlichen geholfen werden müssen - umgehend. Ewich sagt: „Dieser Schüler wurde inzwischen in eine Straftat verwickelt und muss jetzt für mehrere Jahre ins Gefängnis.“