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„Gespräche sind die Basis all dessen, was wir tun“

„Gespräche sind die Basis all dessen, was wir tun“

In der Einrichtung „Gleis 1“ können Abhängige unter Aufsicht Drogen konsumieren und erhalten auf Wunsch auch Hilfe anderer Art.

Ein einfaches Café: Holztische, Stühle, eine schlichte Theke. Menschen sitzen vor Kaffeetassen, man begrüßt sich, kennt sich. Es könnte sich um die Teestube einer Jugendeinrichtung handeln, doch die Besucher sind älter. Und sind von Drogen abhängig. Das Café im Gleis 1 ist Anlaufstelle und Treffpunkt. Nicht nur für die, die nebenan den Konsumraum nutzen.

Denn auf der anderen Seite des Gebäudes hinter dem Hauptbahnhof dürfen Abhängige in einer sicheren und sauberen Umgebung Drogen konsumieren - spritzen oder inhalieren. Dafür erhalten sie saubere Utensilien wie Spritzen und Nadeln. Der Konsumraum ist nüchtern, gekachelt und hat Metalltische — alles leicht zu reinigen.

Fenster lassen zu, dass die Mitarbeiter von nebenan alles im Blick haben. Damit der Konsumraum öffnen kann, müssen immer Rettungsassistenten anwesend sein. Sie können bei gesundheitlichen Problemen eingreifen: Wenn es zum Beispiel bei einer Heroin-Überdosis zum Herzstillstand kommt, gibt es ein Gegenmittel. „Man weiß nie, was in dem Stoff ist, den man kauft“, erklärt Klaudia Herring-Prestin, Leiterin der Einrichtung. Für illegale Drogen gebe es ja keinen Verbraucherschutz. „Jeder Schuss kann der letzte sein.“

Die Versorgung mit sauberen Spritzen und die Notfallversorgung sind ein Ziel der Einrichtung. Gleichzeitig geht es um den Kontakt zu den Abhängigen. Hier erhalten sie für wenig Geld Essen und Trinken, hier können sie duschen und ihre Wäsche waschen, hier gibt es eine Kleiderkammer. Und hier gibt es Sozialarbeiter, die Beratung anbieten und jederzeit ansprechbar sind.

„Wir sind der Zugang zum Hilfesystem“, sagt Klaudia Herring-Prestin. Dabei sei es keine Bedingung, sich helfen zu lassen. „Wir sagen nicht: ,Du musst dich verändern wollen.’ Aber vielleicht gibt es beim sechsten Mal doch das Bedürfnis, etwas zu ändern.“ Sie nennt das „zur Veränderung animieren, aber nicht missionieren“. Den Besuchern bieten sie immer wieder an, sich um Hilfe zu kümmern, um eine Entgiftung, eine Therapie.

„Gespräche sind die Basis all dessen, was wir tun“, erklärt sie. Das beginnt mit dem Wie geht’s?, das sind Gespräche übers Wetter oder die letzte Polizeikontrolle auf der Platte.

Ganz wichtig ist ihr dabei die Haltung gegenüber den Besuchern: Sie könnten sich sicher sein, mit Respekt behandelt zu werden, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. „Das ist unser Auftrag und unsere Herzensangelegenheit“, betont sie. Die Abhängigen sollen nicht das Gefühl haben, der letzte Dreck zu sein, sondern Menschen mit Geschichte. Diese Entstigmatisierung ermögliche erst die Kommunikation und die Zusammenarbeit.

Unter den Besuchern sind solche, die einfach nur konsumieren und wieder verschwinden, solche die schon mehrere Therapien hinter sich haben und sogar solche, die mit Drogen ein scheinbar normales Leben mit Beruf führen.

Immer wieder erleben sie Fälle, „bei denen haben wir das Gefühl, dass sie es geschafft haben“. Etwa 30 Mal im Jahr, so schätzt sie, vermitteln sie jemanden in eine Therapie. Oft gebe es Rückfälle. „Eine Suchterkrankung ist eine chronische Erkrankung“, macht Klaudia Herring-Prestin klar. „Da gibt es Rückfälle, Abstürze und Phasen des Wiederaufbaus.“