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Geschichte: Babylon Wuppertal

Wuppertaler Geschichte : Bizarre Zeit: Babylon Wuppertal

Detlef Vonde über das Ende der gar nicht so goldenen 20er Jahre.

Just versammelte eine Fernsehserie ein zahlreiches Publikum vor den Geräten. Das lag neben der Qualität der Romanvorlage „Der nasse Fisch“ des Wipperfürther Erfolgsautors Volker Kutscher nicht zuletzt auch an einem der beteiligten Regisseure, dem kongenialen Tom Tykwer aus Wuppertal. Ein Stoff, der auffällig einen aktuellen Nerv der Zeit trifft. Babylon Berlin. Im Zentrum steht dabei neben der spannenden Kriminalgeschichte die kulturelle und politische Entwicklung der Weimarer Republik und ihrer schillernden Metropole: Berlin hatte in allen Bereichen der Hochkultur Paris als Zentrum der Moderne abgelöst.

Aber wie sah es damals in Wuppertal aus, am Ende der gar nicht so goldenen Zwanziger Jahre, als sich die von Beginn an fragile Demokratie in der Abwärtsspirale befand und einer protofaschistischen Struktur den Weg bereitete, und nur noch wenige Monate von der Machtübertragung an den Nationalsozialismus entfernt?

Einerseits pflegte die bürgerliche Gesellschaft auch in der 1929 frisch fusionierten Großstadt Wuppertal den kulturellen Hype einer urbanen Erlebnisgesellschaft mit ihren neuen Möglichkeiten: Theater, Varietés, Konzerte und gepflegter Konsum auf den Flaniermeilen einer polyzentrischen bergischen Metropole im Wartestand: Etwa im Hotel Restaurant Salamander mit Varieté und Kinematograph. Am Kipdorf, Rotlichtmilieu in Reichweite. Oder im gelegentlich skandalumwitterten Thalia Theater, das 1929 großzügig umgebaut, künftig sein Publikum mit einer Mischung aus Varieté, Kino und spektakulären Tierdressuren lockte. Und gelegentlich mit dem Glamour großer Filmstars wie Lil Dagover. Eine Boomtown also seit der Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts, in der sich weltläufige Modernität und bürgerliche Selbstinszenierung, veritabler Reichtum und grassierende Armut hautnah begegneten. Modernisierung hieß auch hier: wachsende städtische Infrastruktur, moderne Kommunikationssysteme, neue Massenmedien und populäre Massenkulturen, Konsumansprüche und ein urbanes Lebensgefühl, das bis weit in die Arbeiterklasse ausstrahlte.

Die Schattenseiten der Entwicklung bildeten sich insbesondere in den Quartieren und Vierteln ab. Die Arbeitslosenquote in der sich Bahn brechenden wirtschaftlichen Depression lag Ende 1930 bei fast 37 000 Menschen. Im Tal baute sich dabei eine explosive Mischung aus Ängsten vor und realen Erfahrungen mit sozialem Abstieg und politischer Desorientierung auf. Die Stimmung der vermeintlich goldenen Zwanziger kippte. Das zeigte sich oft im Kleinen. So erteilten etwa die Volkshochschulen einem ihrer Publikumsmagneten, dem radikalpazifistischen Kosmopoliten und späteren Reiseunternehmer Rudolf Tigges, ein Auftrittsverbot. Er störte den völkischen Zeitgeist. Anderer Schauplatz. 1932 kommt es zu ausländerfeindlichen Publikumskampagnen im Barmer Opernhaus gegen die geplante Besetzung der Hauptrolle in der Salome von Richard Strauss mit Jovita Fuentes von der Insel Java.

Auf der Straße herrscht die Gewalt. Faschistische Schlägerbanden der SA, die im Tal eine westdeutsche Hochburg hatte, suchten den öffentlichen Raum zu beherrschen, überfielen zu Beginn der 30er Jahre immer wieder Versammlungen der Arbeiterbewegung, deren Organisationen zur Gegenwehr aufriefen. Es gab Verletzte, es gab Tote: Terror auf der Straße. Auch die in der TV-Serie angesprochene Unterwanderung der Polizei von rechts lässt sich in Wuppertal nachweisen.

Unterhalb der republiktreuen Führungsebenen gab es dort etliche Beamte, die früh dem NS zuneigten, wie ein Referent für politische Versammlungen, der seit 1923 heimlich Mitglied der NSDAP gewesen war. Der „Preußenschlag“ genannte Putsch gegen die dortige sozialdemokratische Regierung durch Kanzler Franz von Papen im Juli 1932 verschiebt die Nähe der Polizei weiter nach rechts. Die Dämme brechen. Babylon Wuppertal. Das verbindende Merkmal der Zeit zu heute könnte in der Normalisierung antidemokratischer Denkmuster und rechtspopulistischer Diskurse liegen, die immer tiefer in den Alltag eingriffen und von radikalen Faschisten instrumentalisiert werden konnten. Babylon Wuppertal: Eine bizarre Zeit nicht nur im Film. Eine mit hohem Wiedererkennungswert.