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Gericht: Jedes Kind muss zum Test

Gericht: Jedes Kind muss zum Test

Wie ein Richter einem Wuppertaler Elternpaar den Sinn von Gesetzen und Sprachtests für Kinder erklärt. Der vorschulische Sprachtest ist gesetzlich vorgeschrieben.

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p class="text"><strong>Wuppertal. Der kleine Ben ist eins von vier Kinder der Eheleute G. aus Wuppertal. Ben ist Jahrgang 2003. Er gehört zu den etwa 3000 Kindern, die den mittlerweile vorgeschriebenen Sprachtest "Delfin" absolvieren mussten. Der kleine Ben ging nicht hin. Besser gesagt: Seine Eltern wollten nicht, dass Ben hinging. Das brachte ihnen zwei Bußgeldbescheide ein: über satte 750 Euro. Hintergrund: Der vorschulische Sprachtest ist gesetzlich vorgeschrieben. Wer nicht will, wird gemahnt, bekommt quasi eine zweite Chance. Die Eheleute G. wollten aber nicht. Sie legten Einspruch gegen die Knolle ein.

Eltern legten gegen 750-Euro-Knolle Einspruch ein

Deshalb musste sich gestern Richter Christopher Trechow mit dem Fall befassen. Und er ließ die Eltern reden. Beide leben von HartzIV. Der Vater ist 29Jahre alt. "Beruf?", fragte Richter Trechow. "Arbeitslos", kam zur Antwort. "Was haben sie denn gelernt?", die nächste Frage. "Ich habe nichts gelernt", sagte der Vater. Tuscheln im Saal. Eine Familie, die vom Staat unterstützt wird, verweigert sich einem staatlichen Sprachtest? Wie geht das zusammen? Mutter G. erklärt sich. Sprachstandsfeststellungen - was für ein Wort - findet sie prinzipiell "super". Die derzeitige Ausgestaltung des Test sei aber zu wenig aussagekräftig. Er sei nur eine punktuelle Standortbestimmung. Und: "Es gibt Kinder, die verstummen, wenn Fremde den Raum betreten." Ob das beim kleinen Ben der Fall gewesen wäre, weiß bislang kein Mensch. Egal. Die Mutter meint, der Kinderarzt müsse den Test machen. Den ist das Kind ja gewöhnt. Der Vater sagt, er wolle den Test vorher sehen. Es sind viele Prinzipien auf einmal.

"Man muss irgendwo anfangen."

Richter Trechow hört sich alles an. Dann erklärt er den Sinn von Gesetzen. Die gelten nunmal für alle. Und zum Test: "Ihre Verpflichtung war es, ihr Kind dahin zu schicken." Dass die Tests wohl verbesserungswürdig sind, kann er sich vorstellen. "Aber lieber es passiert mal was, als das eine ganze Generation scheitert. Nachbessern kann man dann immer noch", sagt er. Es ist ein flammender Appell an die Wichtigkeit der Sprache auch unter volkswirtschaftlichen Aspekten. Die Formel ist eigentlich einfach: Ohne Sprache, kein beruflicher Erfolg.

Die Mutter sagt: "Ich habe keine Bedenken, dass mein Sohn den Test schafft." Sie schränkt ein: "Aber vielleicht hat er einen schlechten Tag. Das wäre schrecklich für mich." Auch für Ben? Man weiß es nicht. Der Vater sagt: "Mich hat die Höhe des Bußgeldes überrascht." Wieder Tuscheln im Saal.

Richter Trechow macht sich keine Sorgen um den kleinen Ben. Seine Eltern können sich ja klar und deutlich artikulieren. Trechow sagt: "Dass das Kind abstürzt, weil sich niemand kümmert, ist nicht zu erwarten." Ein Bußgeld müssen die Eltern trotzdem zahlen, beide je 200Euro. In 40er-Raten - die Familie lebt ja von Hartz-IV.

Es ist ziemlich verrückt. Die Familie wird vom Staat unterstützt, verweigert sich einem staatlichen Test und zahlt deswegen ein Bußgeld an denselben Staat. Vielleicht sind die Eheleute G. aber noch immer nicht zahlungswillig. Die gestrige Entscheidung ist jedenfalls immer noch anfechtbar.