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Gebetsruf des Muezzin in Wuppertal: Gut gemeint, schlecht gemacht

Offen gesagt : Gebetsruf des Muezzin in Wuppertal: Gut gemeint, schlecht gemacht

Mit der Hauruck-Aktion der Stadt ist den Muslimen in Wuppertal nicht gedient.

Dieses verfluchte Virus hält die Welt in Atem. Staaten und Städte sind schon längst nicht mehr, was sie vorher waren. Die Sorge wächst, dass die Gesellschaft nach Corona eine andere sein wird, eine kühlere, vielleicht sogar eine unfreiere. Deshalb ist es kein Wunder, dass Menschen sich nach Gefühl sehnen, dass sie versuchen, soziale Wärme zu erzeugen, wo immer das noch möglich ist. Auch Wuppertal zeichnet sich wieder einmal durch eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Nachbarn, die sich bisher nie auch nur einen guten Tag wünschten, fragen einander nach dem Befinden, helfen bei Einkäufen, geben Tipps, wo es gerade die vermeintlichen Mangelwaren Toilettenpapier, H-Milch, Mehl und Desinfektionsmittel gibt. Sie kommen miteinander ins Gespräch, auf Abstand, hinter Atemschutzmasken. Die Begleitumstände verstärken den Wunsch nach sozialer Wärme nur noch.

Mithin ist anzunehmen, dass die Verwaltungsspitze im Wuppertaler Rathaus nett sein und nicht Fakten schaffen wollte, als sie den Moscheen in Wuppertal den abendlichen Ruf des Muezzin erlaubte. Die Kirchen erinnern mit Glockengeläut daran, dass sie noch für die Menschen da sind. Glocken haben Moscheen nicht, dafür Minarette, auf denen ein Mann zum Gebet ruft, in islamischen Staaten. In Deutschland ist das noch nicht üblich. Hier ist das Christentum die Hauptreligion, deshalb ist Glockengeläut geübt und weitestgehend akzeptiert. Der Ruf des Muezzin hingegen ist ungewohnt, klingt deshalb fremd in den Ohren, was nicht heißen darf, dass dem Muezzin der Gesang verboten wird. Das Grundgesetz sichert Religionsfreiheit zu, es macht dabei keinen Unterschied zwischen Christentum, Judentum und Islam. Dabei haben sich die Macher des Gesetzes etwas gedacht, etwas richtiges.

Dennoch ist der Ruf des Muezzin in Wuppertal auf kein uneingeschränkt gutes Echo gestoßen. Nicht nur, dass einige Hundert Gläubige und Schaulustige auf der Gathe in Elberfeld die Idee nicht verstanden hatten, die sich hinter der Gesangs-Premiere am vergangenen Montag verbirgt. Der Oberbürgermeister und sein Sozialdezernent haben vielleicht im Überschwang der Gefühle auch einen herben Fehler gemacht. Der Ruf des Muezzin lässt sich in einem christlich geprägten Land nicht auf die Schnelle genehmigen. Es gibt gute Gründe, sich intensiv Gedanken darüber zu machen, ob die berechtigte Gleichbehandlung der Religionen auch in ihrem Werben um Ritualteilnehmer Ausdruck finden soll. Glocken klingen, sie sind leicht zu verstehen. Der eine empfindet sie als schön, den anderen belästigt ihre Lautstärke. Der Muezzin klingt dem einen auch schön im Ohr, der andere will das nicht hören.

 Ein Kommentar von Chefredakteur Lothar Leuschen.
Ein Kommentar von Chefredakteur Lothar Leuschen. Foto: Schwartz, Anna (as)

Religionsgelehrte mögen wie in Oer-Erkenschwick darüber streiten, ob der Islam Allah über Gott stellt, ob der Islam also einen Alleinvertretungsanspruch für Glauben bedeutet. Das ist den meisten Menschen vermutlich gleichgültig, wenn sie sich mit der Frage beschäftigen, ob der Muezzin auch in Wuppertal rufen soll oder nicht.

Egal ob dafür oder dagegen: Sowohl die Moslems in dieser Stadt als auch die Christen, die Juden und die Atheisten haben einen Anspruch darauf, dass solche bahnbrechenden und womöglich nicht revidierbaren Entscheidungen nicht zwischen Tür und Angel getroffen werden, sondern in einem möglichst breiten Konsens nach einer Debatte und nach der Abwägung aller vernünftigen Argumente.

Mit einer Hauruck-Aktion ist auch den Moslems nicht gedient, und in den Sozialen Medien freuen sich wieder die schwer verdaulichen Ungeister, die hinter all dem einen Abgesang auf das Abendland wähnen.

Deshalb ist das mit dem Ruf des Muezzin in Wuppertal wohl gut gemeint, aber es ist schlecht gemacht.