1. NRW
  2. Wuppertal

Corona: Für die Schwächsten freiwillig in den Einkaufstrubel

Corona : Für die Schwächsten freiwillig in den Einkaufstrubel

Der Stadtteilservice hat in Zeiten von Corona die Hilfe für Einkäufe und Botengänge auf Risikogruppen erweitert.

„Sie sind über 65 Jahre alt, haben Vorerkrankungen oder ein geschwächtes Immunsystem?“ Mit dieser Anfrage, gedruckt, auf einem Zettel, bietet der Stadtteilservice in der Nordstadt gerade Hilfe an – für diejenigen, die nicht herausgehen, nicht unter Menschen gehen sollen, für diejenigen, die durch eine Ansteckung mit dem Coronavirus stark gefährdet wären.

Der Stadtteilservice, bei dem Langzeitarbeitslose vielfältige Hilfen und Dienste im Quartier anbieten, kümmert sich ohnehin bereits um 90 Menschen, die alt und bedürftig sind. 18 Mitarbeiter erledigen Einkäufe oder begleiten Bürger zu Arztbesuchen. Aber durch die Corona-Pandemie sind erstens mehr Menschen auf Hilfe angewiesen, zweitens weniger Dienste möglich.

Einkaufen steht im Vordergrund, andere Hilfen fallen weg

Im Vordergrund steht nur noch das Einkaufen – Spaziergänge oder Friedhofsbesuche fallen derzeit weg. Physischer Kontakt soll vermieden werden. Aber Essen müssen alle. Angst oder Sorgen sind eben mit dabei. Projektleiterin Silke Costa sagt, ein Mann habe ihr schon gesagt: „Ich habe den Krieg überlebt, aber das hier überlebe ich nicht.“ Jemand anderes habe sich bedankt, dass man sie nicht verhungern lasse. Die Menschen sind besorgt wegen Corona. Wegen der Bilder mit leeren Regalen. Wegen Meldungen in Sozialen Medien, dass Medikamente die Krankheit verschlimmern können.

Seit Corona in Wuppertal zu Schulschließungen geführt hat und der Alltag beschnitten ist, habe die Nachfrage nach Hilfe zugenommen, sagt Frank Gottsmann, Geschäftsführer der Awo Wuppertal. Die sonst 90 Menschen, die versorgt werden, sind zu 127 geworden. Silke Costa erklärt, dass aber die Hürden geringer seien. Sonst gebe es eine Bedürftigkeitsprüfung – die falle jetzt weg. Alter oder Vorerkrankung sei Nachweis genug. Es geht darum, den Schwächsten zu helfen.

Alexandra Göttker ist eine von 18 Helferinnen und Helfern beim Stadtteilservice (aktuell kommen noch zwei ehemalige Maßnahmen-Teilnehmer dazu). Sie alle helfen freiwillig in dieser Situation. Allen sei freigestellt worden, ob sie trotz der Infektionsgefahr mitmachen. Gottsmann sagt, das sei „gelebte Solidarität“. Er hofft, dass das Spuren in der Gesellschaft hinterlässt.

Göttker geht für sechs oder sieben Personen am Tag einkaufen. Sie ruft vorher an, dass sie kommt. Dann schellt sie, damit die Menschen Geld und Einkaufsliste herauslegen können. Sie bündelt die Einkäufe, geht drei oder vier Mal in den Supermarkt. Und liefert dann alles, was sie bekommen hat, vor der Tür ab. Ohne Kontakt.

Göttker: „Wir sind aufgerufen, den alten Menschen zu helfen“

„Dass ich mitmache, war keine Frage“, sagt sie. „Wir sind aufgerufen, den alten Menschen zu helfen.“ Sie ist mit Handschuhen unterwegs, andere nutzen auch Atemschutzmasken, die die Awo stellt. „Ich sehe mich besser gerüstet, als eine alte Dame von 80 Jahren“, sagt sie. Sie könne doch gut Abstand halten, reagieren, ausweichen.

Die Menschen seien noch dankbarer für die Hilfe als ohnehin schon. Aber es falle vielen auch schwer, die Einschränkungen hinzunehmen. „Es dauert, bis man ihnen erklärt, dass man keinen Kontakt haben darf, dass sie nicht mehr mit zum Supermarkt dürfen, nicht spazieren gehen können.“ Für die alten Menschen sei das nicht schön. Die Einsamkeit der Einsamen wird größer in diesen Tagen.

Göttker setzt sich dafür mehr Nähe aus. Sie erlebt gerade besonders intensiv, was in den Supermärkten passiert. „Das ist nicht schön, man merkt da die Panik“, sagt sie. Andererseits sei die aber auch lauter als die kleinen Zeichen, das Danke hier, die Hilfe da. Das gehe in dem Geschrei, das es teilweise gebe, eben auch unter. „Das Geschrei hört man im ganzen Supermarkt.“

Selbst etwas von der Stimmung abbekommen habe Göttker noch nicht. „Bisher hatte ich aber auch nicht den Fall, dass mehrere Leute das gleiche Produkt wollten“, sagt sie. Generell wollen die Leute wenig. Es geht um das Notwendigste. „Und wenn etwas nicht da ist, dann eben beim nächsten Mal.“