Wuppertaler Historie: Friedrich Engels — bretonisch betrachtet

Wuppertaler Historie : Friedrich Engels — bretonisch betrachtet

Wuppertal. „Demat“. Das ist bretonisch und heißt so viel wie „guten Morgen!“ Louis ist Wirt in der besten, weil einzigen Kneipe auf der kleinsten Insel der Bretagne. Ein ebenso amüsanter wie geschichtsinteressierter Zeitgenosse.

So kommen wir ins Gespräch. Beim Cidre, versteht sich. Nach ausführlicher Würdigung der bretonischen Kulturgeschichte und Klärung der Frage, warum Bretonen eher ungern Franzosen seien, landen wir schließlich („D’ou venez vous“? - „Wuppertal“) wo? Bei „Frédéric Engels, dem großen Wuppertaler“.

Louis, der Bretone von der kleinen Insel, kennt sich offenbar aus. Friedrich Engels: 1820 in Barmen geboren. Sohn einer ebenso pietistisch geprägten wie früh erfolgreichen Fabrikantenfamilie in Sachen Textil. Die hat zunächst anderes mit dem Sprössling vor: 1837 nimmt Engels senior seinen Sohn ein Dreivierteljahr vor dem Abitur vom Gymnasium und zwingt ihn ins Familienunternehmen, als möglichen Stellvertreter an den Standorten Engelskirchen oder gar Manchester. Friedrich hätte gern Jura studiert, aber fügt sich dem väterlichen Willen.

Sein Lebenswerk ist das Ergebnis einer Biografie auf Umwegen: Ein großer sozialphilosophischer Denker mit naturwissenschaftlicher Neigung. Junger Hegelianer. Dichter, Karikaturist und Journalist. Erfinder des historischen Materialismus. Dazu Militärtheoretiker. Kapitalist und Kommunist, in einer Person. Fuchsjäger und Frauenversteher. „Ein Feingeist, mon Dieu!“ So Louis, der Bretone. Nur wirklich zu verstehen vor dem Hintergrund der sozialen sowie ökonomischen Brüche und Verwerfungen seiner Zeit, dem „langen 19. Jahrhundert“.

Und vor allem, wie Louis behauptet: „Ohne Engels kein Marx, nicht wahr?“ Das meint er materiell wie intellektuell und pragmatisch. In der Tat: Engels hat in seiner Zeit in Manchester als Geschäftsführer des Unternehmens Ermen & Engels die staaten- und mittellose Familie Marx, die im Londoner Exil lebte, finanziell unterstützt. Und er hat seinen Freund Karl in Briefenregelmäßig „ermahnt“, doch endlich mehr zu publizieren, als endlos abwartend zu recherchieren. Marx, der Zögernde, Engels, der Pragmatiker. Nach dem Tod des Freundes hat er dessen Schriften neu geordnet und den dritten Band des „Kapitals“ herausgegeben. Nicht zu vergessen: Die deutsche Sozialdemokratie hat er ebenso mitgestaltet.

Nur rund 20 Jahre seiner Lebenszeit hat er allerdings wirklich in der Heimat verbracht, bevor „revolutionäre Elberfelder Bürger“ ihn, den Revolutionär mit der roten Fahne, im Mai 1849 aufforderten, „das Weichbild der hiesigen Gemeinde umgehend zu verlassen“ und ihn steckbrieflich verfolgten. In Baden kämpfte er noch mit der Waffe in der Hand für die Annahme der Reichsverfassung, bis ihn die siegreiche preußische Reaktion endgültig außer Landes vertrieb. „Seine Asche wurde 1895 praktisch vor unserer bretonischen Küste im Meer verstreut, also im Ärmelkanal“, weiß Louis, der Bretone. „Schon bald aber wird Deine Stadt den 200. Geburtstag des weltberühmten Friedrich Engels feiern. Quelle grande Fete! Welch ein Fest.“ Tatsächlich. Es wäre angemessen. „Kenavo!“ Das ist auch bretonisch und heißt „auf Wiedersehn.“ - „Kenavo, Louis! Kenavo, Frédéric.“

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