1. NRW
  2. Wuppertal

Frauenhaus: Corona bindet eher noch an das Zuhause

Soziales : Frauenhaus: Corona bindet stärker an das Zuhause

Experten befürchten mehr häusliche Gewalt. Doch die Frauen stellen sich länger der Situation.

Kontaktverbot, geschlossene Schulen und Kitas, Homeoffice, Kurzarbeit und Zukunftsangst. Viele Familien stehen in der Corona-Krise vor großen Herausforderungen. Streits und Konflikte drohen zu eskalieren, weil es keine Chance gibt, sich aus dem Weg zu gehen. Wenn die eigenen vier Wände schon vor der Pandemie kein sicherer Hafen waren, wird die Situation für Betroffene gefährlich. Bereits zu Beginn der Corona-Krise warnten Experten vor einem Anstieg häuslicher Gewalt. Erfahrungen aus der mehrwöchigen Ausgangssperre in China bestätigten diese Vermutung.

Auch der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul (CDU), befürchtete eine Zunahme häuslicher Gewalt in der Corona-Krise. Es gebe nicht zufällig gerade Weihnachten immer viel häusliche Gewalt, wenn Menschen lange zu Hause auf engem Raum zusammen seien, sagte Reul Ende März im „Bericht aus Berlin“. Es mache ihm mit „am meisten Sorge, dass, wenn das lange dauert, Menschen sich auch anders verhalten“. Bisherige Zahlen bestätigten Reuls Sorge allerdings nicht.

Im Frauenhaus in Barmen gibt es eine verstärkte Nachfrage, jedoch nicht unbedingt wegen Corona. „Die Zahlen steigen seit Jahrzehnten, weil immer mehr Menschen informiert sind, dass man häusliche Gewalt anzeigen kann“, sagt Carola Hartung, Mitarbeiterin des Frauenhauses Wuppertal. In der Corona-Krise gebe es keine erkennbaren Ausschläge nach oben. „Wir haben eher das Gefühl, dass Personen sehr verunsichert sind und lieber in den eigenen vier Wänden bleiben“, sagt Hartung. Die Frauen wüssten nicht, was sie erwartet, wenn sie ihr Zuhause aufgeben. „Es herrscht eine große Unsicherheit: wie ist es da und ob sie in Quarantäne kommen“, sagt Hartung. Außerdem seien häufig Kinder dabei, für die die Frauen verantwortlich sind. „Unsere Interpretation ist, dass man da bereit ist, Auseinandersetzungen länger zu ertragen“, so Hartung.

Zum Hintergrund: Die Gewaltstruktur in einer Beziehung entwickelt sich über Jahre. Die Vorfälle sind nicht einmalig, sondern es entwickelt sich eine Gewaltspirale. Der Gedanke, sich zu trennen, trete mal mehr, mal weniger in den Vordergrund. Viele Frauen haben auch die Hoffnung, dass der Partner sich ändere. „Im Moment wird eine Trennung eher nach hinten geschoben, um die Gesundheit zu schützen“, sagt Hartung. Zudem würden alle aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Vielleicht seien aber auch die Fluchtmöglichkeiten reduziert. „Es kann aber sein, dass das Frauenhaus zu einem späteren Zeitpunkt gehäuft nachgefragt wird“, sagt Hartung.

Keine Auffälligkeiten in
der Jugenschutzstelle

Der Verein „Frauen beraten Frauen“ kann bislang keine starke Häufung der Fälle erkennen. „Im Moment sind wir in einem Rahmen, der normal ist“, sagt die Mitarbeiterin Barbara Döring. Je länger die Maßnahmen aber dauerten, desto mehr würden es werden. Familien, die konfliktbehaftet sind, können sich jetzt nicht so gut aus dem Weg gehen. „Bei häuslicher Gewalt ist es immer schwierig, zum Telefon zu greifen“, so Döring. Die Corona-Zeit sei sehr angstbesetzt, so dass sie vermutet, dass viele Frauen zögern und hoffen, die Situation werde besser.

In der Jugendschutzstelle beobachten die Mitarbeiter keine Auffälligkeiten. „Es gibt immer mal Zeiten, in denen mehr oder weniger los war“, sagt Susanne Bossy, Sprecherin beim Caritasverband Wuppertal/ Solingen. Zurzeit seien die Wochen belebter, es gebe aber keine ungewöhnlich starke Häufung, so Bossy. Die Jugendschutzstelle nimmt rund um die Uhr Jugendliche auf, die nicht nach Hause können.

Zum Beispiel, wenn eine Mutter ihr Kind nicht mehr reinlasse, es immer Streit gibt oder der Vater mit Prügel droht. „Es gibt bislang aber keinen inhaltlichen Bezug zu Corona“, sagt Bossy. Keiner der Jugendlichen habe gesagt, seitdem wir alle zu Hause hocken, hat sich die Situation verschärft.