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Frauen auf der Straße: Ein Bild in zwei Versionen im Von der Heydt-Museum

Wuppertaler Meisterwerke : „Frauen auf der Straße“ in zwei Versionen

Ernst Ludwig Kirchners Werk als Ölgemälde und Zeichnung im Von der Heydt-Museum.

Das Von der Heydt-Museum besitzt zwei Versionen des berühmten Themas „Frauen auf der Straße“ von Ernst Ludwig Kirchner, ein Ölgemälde und eine zuvor entstandene Zeichnung. Kirchners farbige Zeichnung von 1913/14 zeigt wie das Ölgemälde eine Berliner Straßenszene, hier mit einem auf drei Personen reduzierten Ausschnitt. Die beiden Frauen und der Mann bilden eine beziehungsreiche Figurenkonstellation.

In das sich hier entwickelnde psychologische Spannungsfeld ist der Künstler als nicht sichtbare, vierte Person miteingebunden. Die auf ihn zuschreitende Frau hat ihm schon einen Seitenblick zugeworfen. Die ihr folgende Frau, an ihrem auffälligen Federhut als Kokotte erkennbar, behält sie im Visier, während ein männlicher Passant in einiger Distanz auf einen günstigen Moment für eine Ansprache zu lauern scheint.

Kirchner (1880-1938) schildert seine Perspektive als Beobachter, der das heimliche Geschehen durchschaut und sehr gespannt verfolgt. In zahllosen Skizzen hat Kirchner solche Momentbeobachtungen festgehalten, bevor er die Motive dann in seinem Atelier in Zeichnungen, Pastellen, Druckgraphiken und Gemälden weiter ausgearbeitet hat. Sein hieroglyphischer Zeichenstil gibt seine psychische Anspannung wieder und wirkt durch spitzwinklige Formen schon fast aggressiv. Hierdurch wollte er nicht nur seine eigene Nervosität, sondern auch die mit dynamischer Spannung aufgeladene Atmosphäre der Großstadt zum Ausdruck bringen. Kirchner war fasziniert vom Berliner Nachtleben am Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz und rund um den Kurfürstendamm, wo er mit Vorliebe einschlägige Tanzlokale und Varietés aufsuchte. Seine gemalten Großstadtimpressionen nahmen nun die Menschen auf der Straße in den Fokus.

Die 1913 begonnene Werkreihe der „Frauen auf der Straße“ bildet einen Höhepunkt in Kirchners expressionistischem Schaffen am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Oft zog Kirchner nachts durch die Straßen, um Passanten, oft Prostituierte und ihre Freier, bei heimlichen Kontaktversuchen zu beobachten und solche Szenen rasch zu skizzieren. In seinem Atelier entstanden anschließend die Ölgemälde. Dabei blieb er immer noch der Devise der „Brücke“-Maler treu, unmittelbar und unverfälscht wiederzugeben, was ihn zum Schaffen drängte.

Unter dem Eindruck des beschleunigten Tempos, den die Atmosphäre der Großstadt prägte, wurde Kirchners Strich rascher und nervöser; den Ausdruck der Porträtierten steigerte er durch Verzerrung, Verkürzung und irritierende Perspektive. Auch die Farbe wählte er eher nach ihrem Ausdruckswert, ohne Rücksicht auf das reale Aussehen. Durch Zickzack-Linien erzielte er einen dynamischen Formaufbau. Mit der Komposition als einer Choreographie von „Kraftlinien“ wollte Kirchner „das Gefühl, was über einer Stadt liegt“ vermitteln. Das Bild ist zurzeit in der Ausstellung „Else Lasker-Schüler, ,Prinz Jussuf von Theben‘ und die Avantgarde“ zu sehen.