Franz Xaver Ohnesorg: „Alle Menschen tragen eine Sehnsucht nach Schönheit in sich“

Franz Xaver Ohnesorg: „Alle Menschen tragen eine Sehnsucht nach Schönheit in sich“

Franz Xaver Ohnesorg, Intendant des Klavier-Festivals Ruhr, spricht im WZ-Interview über Musik, Bildung, die besondere Gabe großer Pianisten und die perfekte Welt der Klassik.

Franz Xaver Ohnesorg war Künstlerischer Leiter der Carnegie Hall in New York, der Intendant der Berliner Philharmoniker, als die Ära Claudio Abbado zu Ende ging und die Ära Sir Simon Rattle begann. Vor 30 Jahren gründete Ohnesorg mit Hilfe des Initiativkreises Ruhr, einer Vereinigung großer Wirtschaftsunternehmen, das Klavier-Festival Ruhr. Er ist seither Intendant des vollständig privat finanzierten Festivals, das jedes Jahr die Weltstars der Klassik ins Ruhrgebiet und in die Historische Stadthalle in Wuppertal bringt. Dort gastiert am 3. September Maurizio Pollini, einer der renommiertesten Pianisten der Gegenwart.

Herr Ohnesorg, was begeistert Sie so sehr an Pianisten?

Ohnesorg: Sie sind meiner Meinung nach auf ganz besondere Weise komplette Menschen.

Inwiefern?

Ohnesorg: Sie sind die unabhängigsten Musiker, weil sie mit ihren beiden Händen das realisieren können, wofür man normalerweise ein ganzes Orchester braucht. Diese Herausforderung beansprucht beide Hirnhälften gleichzeitig. Das fördert die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Deshalb ist es für mich überhaupt kein Zufall, dass viele gute Pianisten mehrere Sprachen sprechen können.

Ist Klavierspielen nicht in erster Linie eine Frage des Talents?

Ohnesorg: Das gehört sicher auch dazu. Aber sehr gut Klavier zu spielen, hat auch mit enormem Training zu tun. Es ist die immer neue Suche nach Zugängen zu Kompositionen, die dann von besseren Ansätzen abgelöst werden. Dieser Prozess ist dynamisch. Er erfordert eine hervorragende Technik.

Am 3. September kommt nun ein Pianist nach Wuppertal, der das Instrument anscheinend perfekt beherrscht.

Ohnesorg: Maurizio Pollini ist ein extrem gewissenhafter Künstler, der von sich immer Höchstleistungen fordert. Dafür muss alles perfekt sein. Der Steinway wird von einem italienischen Stimmer vorbereitet, der schon für Arturo Benedetti Michelangeli gearbeitet hat und eigens aus Mailand dafür nach Wuppertal in die Historische Stadthalle kommt, die für das Konzert ein perfekter Ort ist.

Warum?

Ohnesorg: Wegen ihrer herausragenden Akustik und auch wegen Pollini, denn er ist sehr an Architektur interessiert. Sein Vater war ein berühmter Architekt, der mit Luigi Fighini die Olivetti-Gebäude entworfen hat.

Pollini gehört zu den vielen Weltstars der klassischen Musik, zu denen Sie seit Jahrzehnten Kontakte pflegen. In der Pop- und Rockkultur gelten die Größten bisweilen als exzentrisch. Sind Klassikstars auch verrückt?

Ohnesorg: So würde ich das nicht sagen. Aber Begabungen können auch Empfindlichkeiten mit sich bringen. Darauf nehmen wir selbstverständlich Rücksicht. Unsere Aufgabe als Veranstalter des Klavier-Festivals Ruhr ist es, den Künstlern das Gefühl zu geben, dass sie der Mittelpunkt unserer Arbeit sind. Dann gelingt das Konzert und auch das Publikum ist nachher zufrieden.

Das in der klassischen Musik eher mittleren bis höheren Alters ist.

Ohnesorg: Das kann ich so nicht bestätigen. Wir schaffen es auch immer wieder, jüngere Leute anzusprechen, beispielsweise mit unserer Aktion „Klavier spontan“ für Schüler und Studenten bis 28 Jahre.

Wie funktioniert das?

Ohnesorg: Wer sich unter klavierfestival.de/klavierspontan anmeldet und nicht älter als 28 ist, erhält Einladungen zu besonderen Konzerten. Die Karten kosten zehn Euro. Außerdem bieten wir auch beim Klavier-Festival immer Karten zu Preisen an, die nicht höher sind als die für Kinotickets.

Dennoch entsteht der Eindruck, dass klassische Musik in der allgemeinen Wahrnehmung eher auf dem Rückzug ist. Die Zeiten des Sonntagskonzerts im ZDF jedenfalls sind lange vorbei.

Ohnesorg: Letzteres stimmt. Auch ich finde es bedauerlich, dass Klassik im Fernsehen nur noch in Spartenkanälen angeboten wird und das oft zu Zeiten, zu denen auch Klassikfreunde mal ins Bett gehen müssen. Die Vollprogramme der öffentlich-rechtlichen Sender richten sich leider fast nur noch nach Quote.

Aber klassische Musik spielt auch in der Schule nicht mehr eine so große Rolle.

Ohnesorg: Auch das stimmt leider. Es gab Zeiten, da spielten Grundschullehrer und Erzieherinnen noch Instrumente, um die Kinder beim Singen zu begleiten. Ich finde es bedauerlich, dass Musik nicht mehr zum Ausbildungskanon gehört. Deshalb gehen wir auch an Schulen.

Mit welchem Ziel?

Ohnesorg: Musik ist nicht-verbale Kommunikation und etwas sehr Schönes. Deshalb bringen wir Musik zum Beispiel nach Duisburg-Marxloh, wo viele Kinder und Jugendliche den Zugang zu Musik nicht haben. Doch alle Menschen tragen eine Sehnsucht nach Schönheit in sich.

Aber Klassik ist nicht grundsätzlich und immer einfach zugänglich.

Ohnesorg: Das ist wahr. Aber wenn wir es bei unseren Konzerten schaffen, dass sich die Zuhörer für den Vorgang des Musizierens, also des spielenden Menschen, des Homo ludens, öffnen, und sie am Augenblick des Spielens teilhaben können, dann hat diese Faszination etwas ganz Unmittelbares.

Wie beispielsweise bei Pianisten wie Martha Argerich oder Maurizio Pollini?

Ohnesorg: Ja. Mit zehn Fingern ein ganzes Orchester zum Erklingen bringen, das ist Sprechen ohne Worte, das ist so etwas wie seelische Kommunikation. Sie macht es aus, dass Menschen sich der Musik hingeben.

Sie sind nun schon seit vielen Jahren auf der ganzen Welt in Sachen klassische Musik unterwegs. Empfinden Sie Klassik als Ihre Mission?

Ohnesorg: Mission? Das ist schon ein sehr hoher Begriff. Aber ich gebe gern zu, dass ich meine Begeisterung weitergeben will, die ich selbst für klassische Musik empfinde.

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