Förderbedarf: In Wuppertal fehlen Räume an Grundschulen

Schulen : Zu wenig Räume für gute Förderung

Mehr Klassen müssten mit weniger Schülern starten, damit Lehrer sich besser um sie kümmern können.

Wie groß sollten Klassen sein, damit sich die Lehrkräfte gut um alle Kinder kümmern können? Auch bei dieser Frage zeigt sich, wie sehr das Schulsystem aktuell unter Druck steht. Denn die wünschenswerte Begrenzung der Klassengröße für mehr Schulen mit vielen belasteten Kindern wird vorerst durch fehlende Schulgebäude verhindert.

Zwischen 15 und 29 Kinder sitzen in den Eingangsklassen der 59 Wuppertaler Grundschulen. So hat es die Stadt festgelegt. Für 18 Grundschulen gilt eine niedrigere Obergrenze: Hier sind es höchstens 25 Kinder pro Klasse. Diese Begrenzung gilt für „Schulen mit besonderen Lernbedingungen“, die in einem schwierigen Quartier liegen oder Schwerpunktschule im Bereich Inklusion sind.

Mehr Schulen brauchen
weniger große Klassen

Jetzt stand im Schulausschuss die Frage auf der Tagesordnung, ob diese Obergrenze nicht für mehr Schulen gelten sollte. Denn nach Berechnungen der „Qualitäts- und Unterstützungsagentur des Landes“ wäre sie für doppelt so viele Schulen in Wuppertal sinnvoll. Das Institut stufte die Schulen nicht nach den Sozialdaten des Quartiers ein, sondern „schulscharf“, also nach den Sozialdaten der Kinder. Danach müssten 36 statt 18 Schulen als „Schule mit besonderen Lernbedingungen“ gelten.

Was sind besondere Lernbedingungen? Die Leiterin einer solchen Schule schildert der WZ einige davon. Weil sie dabei ihre Schule und die betroffenen Kinder nicht stigmatisieren will, bleiben sie und die betroffenen Schule anonym. An ihr haben 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, ein Drittel bis die Hälfte der Kinder kommt aus belasteten Familien. Das heißt, es gibt einen großen Anteil von Kindern mit geringen Deutschkenntnissen. „Manche sprechen wirklich kein Wort Deutsch“, sagt sie. Für diese Kinder muss Sprachförderunterricht organisiert werden. Zudem gibt es viele Kinder mit Förderbedarf – im Bereich körperlicher und geistiger Einschränkungen, aber auch in der emotionalen und sozialen Entwicklung. Und dann gibt es Kinder mit arbeitslosen Eltern, mit psychisch kranken Eltern, mit Vätern in Haft, Kinder, die Gewalt in der Familie erleben, und Kinder, die selbst bereits im Grundschulalter mit Gewalt auffallen, die aus unterschiedlichen Gründen aus der Familie genommen werden.

„Die Kinder haben instabile Elternhäuser, das zeigt sich in ihrem instabilen Verhalten“, erklärt die Schulleiterin. Diese Kinder stören den Unterricht, reden, laufen durch den Klassenraum. „Es gibt tatsächlich Kinder, die rennen die ganze Zeit herum“, sagt sie. Manche können Konflikte nicht friedlich lösen. „Diese Kinder bräuchten Zuwendung.“ Aber das könnten sie nicht ausreichend leisten.

„Unsere Hauptarbeit sind Gespräche“, ist der Satz einer Kollegin, der die Herausforderung zeigt. Denn Schulleiterin und Lehrkräfte sprechen mit Eltern, Schulsozialarbeitern, Therapeuten, Sozialarbeitern des Jugendamts – „wir haben manchmal täglich Kontakt mit dem Jugendamt.“ Um Hilfen für die Kinder zu finden, diese Hilfen weiter zu begleiten. Das nimmt viel Zeit in Anspruch.

Viele der Gespräche sind noch dazu fruchtlos, weil die Eltern am Ende doch anders entscheiden, als die Fachleute empfehlen. „Manche Eltern kümmern sich einfach nicht um ihre Kinder“, stellt die Schulleiterin nüchtern fest. Besonders traurig hat sie die Aussage eines Neunjährigen gemacht, als der sagte: „Ich habe keine Zeit für Ferien, ich muss mir Gedanken machen, wie ich meine Probleme löse.“

Diese Schule ist bereits eine Schule mit besonderen Lernbedingungen, hat höchstens 25 Kinder in den Eingangsklassen. Die Schulleiterin wünscht sich noch weniger: 20 bis 23. „Dann könnten wir uns richtig kümmern und manches verhindern.“ Aber es gibt Schulen, die ebenfalls viele belastete Schüler haben, aber wegen ihrer Lage nicht als „Schule mit besonderen Lernbedingungen“ gelten. Und deshalb bis zu 29 Kinder pro Eingangsklasse aufnehmen müssen, weiterhin.

Denn die Stadtverwaltung hat errechnet, dass bei 36 „Schulen mit besonderen Lernbedingungen“ mit höchstens 25 Kindern pro Eingangsklasse die Raumkapazitäten in Wuppertal nicht mehr reichen: Es „könnten in jedem Schuljahr insgesamt 106 Kinder weniger aufgenommen werden“, heißt es in der Verwaltungsvorlage. Schon im nächsten Jahr würden die Kapazitäten in den östlichen Stadtbezirken nicht mehr reichen, in zwei Jahren im gesamten Stadtgebiet.

Zunächst sei „zwingend die Errichtung von weiterem Schulraum erforderlich“. Mit der Neunutzung der Dependance der Grundschule Kratzkopfstraße und der Einrichtung der Grundschule Matthäusstraße wurden neue Plätze geschaffen. Geplant sind noch eine Grundschule an der Eichenstraße und eine an der Gewerbeschulstraße. Beide Gebäude werden derzeit noch von anderen Schulen genutzt und müssen dann umgebaut werden, die Gewerbeschulstraße soll Ende 2022 bezugsfertig sein, die Eichenstraße 2024. Dann wären insgesamt fast 1000 Grundschulplätze mehr entstanden.

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