Florian ist ein 24-Stunden-Job

Florian ist ein 24-Stunden-Job

Nicole Koch (40) zieht ihren Sohn ohne Vater groß. Im Alltag tun sich teils große Herausforderungen auf. Krank sein? Ist nicht vorgesehen.

Florian ist wieder abgedüst. Der Anderthalbjährige erkundet im Moment seine Umwelt und hält Mama Nicole Koch damit ganz schön auf Trab. Die 40-Jährige ist alleinerziehend und erhält bei der Erziehung von Florians Vater keine Unterstützung. „Ich habe einen 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche“, sagt Koch. „Das ist extrem stressig.“ Auch ihr Verhältnis mit der Familie, die in Köln lebt, ist schwierig, so dass sie im Notfall auch nicht auf die Verwandtschaft zurückgreifen kann.

Dass das ein hartes Los sein kann, hat sie schon so manches Mal erfahren müssen. Einmal wurde sie so schwer krank, dass sie Florian nicht mehr versorgen konnte. Eine dramatische Situation für die Mutter, die ihren Sohn bis dahin gar nicht in fremde Hände gegeben hatte. „Ich konnte aber einfach nicht mehr“, sagt Nicole Koch. In der Not zahlte es sich auf, dass die Mutter sich vernetzt hatte. Sie ist Mitglied beim Alleinerziehendentreff und konnte daher Leiterin Stephanie Natho um Hilfe bitten. Deren Sohn nahm dann Florian für ein paar Stunden zu sich, so dass sich die erschöpfte Mutter etwas regenerieren konnte.

Jeder Einkauf, jeder Gang zu Behörden und Ärzten ist eine Herausforderung für die Alleinerziehende. Florian muss immer mit — die helfende Hand im Alltag fehlt. Erschwerend kommt hinzu, dass Nicole Koch kein Auto hat und daher immer zu Fuß unterwegs ist, mit ihrem kleinen Begleiter im Buggy vorneweg.

Das Geld ist knapp: Koch lebt von Hartz IV. Die Wuppertalerin sagt: „Ich habe 450 Euro im Monat. Davon muss ich Lebensmittel und Windeln kaufen.“ Da helfen auch keine Unterhaltszahlungen. „Es ist mir egal ob Florians Vater zahlt“, sagt Nicole Koch. „Davon habe ich sowieso nicht mehr Geld.“ Bekommt sie Unterhalt, erhält sie im gleichen Maße weniger Leistungen vom Jobcenter. Für die Mutter selbst bleibe nicht mehr viel Geld übrig. „Ich kaufe mir kaum neue Kleidung und trinke nur noch ungesüßten Tee“, sagt sie. Anders gehe es nicht.

Florian bekommt von der Geldnot wenig mit. Er kann sich bei einer Vielzahl von Spielzeug nicht beklagen. Die Sachen kommen von der „Toy Company“ und sind gespendet worden. „Ich bin so dankbar, dass es so viele Wuppertaler gibt, die gespendet haben“, sagt sie und lächelt. Das Babybett kam von der Diakonie, wo Koch bereits vor ihrer Schwangerschaft als 1,50-Euro-Kraft gearbeitet hat.

Florians Kleidung stammt zum größten Teil von der Kleiderkammer. Aber Spenden können nicht jeden Bedarf decken. Schuhe zu finden, die Florian passen, sei sehr schwer gewesen. So musste die Wuppertalerin eben mal mehr als 40 Euro investieren. Für die Alleinerziehende ist das eine größere Anschaffung.

Viel Hoffnung, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in naher Zukunft ändert, hat Nicole Koch nicht. „Ich würde gerne arbeiten. Aber für mich sieht es übel aus“, sagt Koch und zählt auf: „40 Jahre, alleinerziehende Mutter — welcher Arbeitgeber macht das mit?“ Sie würde sich wünschen, dass mehr Unternehmen auch Alleinerziehenden eine Chance geben würden. Etwa durch die Integration von Kitas in die Betriebe. Früher war Koch stellvertretende Filialleiterin im Einzelhandel, doch wegen einer verdrehten Wirbelsäule könne sie nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten.

Florians Vater kommt zwei Mal die Woche für ein paar Stunden. Inzwischen habe auch er sich in den Jungen verliebt — nachdem er zunächst nichts von ihm wissen wollte. Als sie die Schwangerschaft ohne Unterstützung im Alleingang gemeistert hatte, schickte sie Florians Vater Fotos von dem Baby. Da sei er dann ins Krankenhaus zum Besuch gekommen. Väterliche Gefühle löste das aber offenbar nicht aus. Koch musste die Vaterschaft erst mit einem offiziellen Test bestätigen lassen.

Kochs Schwangerschaft war eine Überraschung. Eine Erkrankung machte dem lang gehegten Kinderwunsch der 40—Jährigen einen Strich durch die Rechnung. Und dann kündigte sich plötzlich Florian an. Mit all den Unwägbarkeiten, die das gebracht hat — und der Hürden, die der Alltag noch immer für sie bereit hält. Trotzdem beantwortet Nicole Koch eine schwere Frage mit großer Leichtigkeit: Bereut sie es, schwanger geworden zu sein? „Nein“, sagt Nicole Koch und drückt Florian an sich. „Das ist mein Wunderkind.“

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