Fazil Say erzählt in Wuppertal eigene musikalische Geschichten

Konzert : Fazil Say erzählt eigene musikalische Geschichten

Im Rahmen des Bayer-Klavierzyklus’ trat der weltbekannte Pianist in der Stadthalle auf.

„Es ist schon so, dass meine Musik jeden Tag anders klingt, weil ich möchte, dass sie jedes Mal neu entsteht.“ Dieses Zitat Fazil Says ist auf Postkarten der Kulturabteilung der Bayer-Werke abgedruckt, die an dem Abend seines Konzerts in der Stadthalle auslagen. Ausverkauft war der Mendelssohn Saal, als der populäre Pianist und Komponist diesem Statement gerecht wurde. Es war gerade die aus seiner eigenen Feder stammende „Troja Sonate“, die diese Haltung verdeutlichte. Anhand dieses rund ein Jahr alten zehnsätzigen Werks reflektiert er die alte Homergeschichte. Unter Verwendung tradierter Muster (Cluster, Dämpfen der Klaviersaiten mit der Hand, kurze freitonale Einlagen) und an Jazzpianisten wie Chick Corea und Keith Jarrett gemahnende Klavierklänge säuseln und donnern die Ägäis-Winde, kommt Schlachtengetümmel brutal aus dem Flügel, erscheint anmutig Helena, sind die Helden natürlich wie Machos strotzend vor Selbstbewusstsein. Expressiv-vital stellte er sein Opus 78 mit all seinen Freiräumen vor.

Dagegen sind die Noten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven alt, wurden immer wieder akribisch auf Authentizität geprüft. Es gibt allgemeingültige Druckversionen, an die sich die Klavierspezialisten generell halten. Und wie ging das Enfant terrible der internationalen Pianistenszene mit Mozarts Köchelverzeichnis 332 in F-Dur und Beethovens „Appassionata“ (beide bekannte Klaviersonaten) um?

Seine Klaviertechnik ist frappant: selbst wieselflinke Läufe, Arpeggien und Alberti-Bässe kamen (beide Formen von gebrochenen Akkorden) spielerisch leicht daher. Auch seine Anschlagskultur vom wie dahingehauchten Piano bis zum mächtigen Forte war große Klasse. Und abgesehen von ein paar kleinen Verspielern gerade bei schnellen Passagen stimmten die Noten.

Dagegen nahm Say es mit den Vortragsbezeichnungen nicht genau. Dynamiken, Akzentuierungen gestaltete er nach eigenem gusto. Er changierte mit kolossalen Klangeruptionen und kontemplativ anmutenden Passagen. Mal verwendete er das rechte Pedal sehr ausgiebig, mal überhaupt nicht. Mal gestaltete er Basslinien gebunden, mal portato (Töne von einander abgesetzt) oder staccato (Töne ganz kurz gespielt). Innerhalb eines Satzes changierten also die Klangcharakteristiken und Ausdrucksformen. Dazu steigerte er die Allegro-Tempi hin zu einem schnellen Presto.

Kurz: Wie bei seiner musikalischen Interpretation der antiken Troja-Sage stand an diesem Abend auch bei Mozart und Beethoven seine individuelle überspannte Ausgelassenheit und Aufgeregtheit vor einer sorgfältigen Auslotung der eigentlichen Inhalte. Er erzählte also stringent eigene musikalische Geschichten. Diejenige, welchen ein Feinschliff an alter Musik nicht wichtig ist, hatten sicher unterhaltsame Kurzweil an den Vorträgen. Viele der Zuhörer waren wohl darunter, wofür der begeisterte Applaus sprach.

Erst bei der letzten der beiden Zugaben – Erik Saties erste der drei Gymnopédies mit der Vortragsbezeichnung „Lent et douloureux“ (langsam und schmerzhaft) – geriet der Abend in ein ruhig-sanftes Fahrwasser.

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