Fairer Handel: Wie die Wuppertaler Gepa sich im Rohkaffeehandel etablieren will

Fairer Handel : Wie die Wuppertaler Gepa sich im Rohkaffeehandel etablieren will

Die Wuppertaler Gepa, Spezialist für fairen Handel, bringt Genossenschaften und Kleinröstereien zusammen. Ziel ist die bessere Vermarktung von Spitzenqualität.

 Am Anfang der Begegnung steht das Kalibrieren. Zwei Kaffees werden verkostet und anschließend bewertet. Denn zuerst muss geklärt werden: Meinen hier alle annähernd dasselbe, wenn sie über Kaffee sprechen? Diese Basis der Verständigung ist nötig, denn um den Tisch der Rösterei Mocambo im oberbergischen Radevormwald sind zwei Welten versammelt: auf der einen Seite professionelle Kaffeeverkoster, sogenannte Q-Grader, von vier Kleinbauerngenossenschaften in Mexiko, Honduras und Peru. Ihnen gegenüber Vertreter deutscher Kleinröstereien aus Wuppertal, Siegburg und Essen, außerdem ein Barista aus Düsseldorf.

An einen Tisch gebracht hat sie die Wuppertaler Gepa, seit mehr als 40 Jahren Importeur fair gehandelter Lebensmittel und Handwerksprodukte. Denn alle Anwesenden verbindet eine Idee: „Wir wollen dem Kaffee ein Gesicht geben“, sagt Kleber Cruz Garcia, Einkaufsmanager Kaffee der Gepa und selbst gebürtiger Peruaner.

Kunden sehnen sich wieder nach der persönlichen Note

Die Sehnsucht, Produkte wieder der anonymen Massenherstellung zu entreißen und ihre Individualität zu betonen, erfasst immer mehr Bereiche. Im Weinbau sind der Winzer und sein Terroir schon seit Jahrzehnten Vorreiter. Ob Whisky, Gin oder Bier, Kunden haben auch hier längst die Möglichkeit, der persönlichen Note den Vorzug zu geben. Beim Kaffee sind es die Microlots (kleine Mengen), die für eine eng begrenzte Herkunftsbezeichnung und mitunter auch für einen konkreten Kaffeebauern stehen.

Kleber Cruz Garcia, Einkaufsmanager Kaffee der Gepa, sieht Microlots als neue Marktchance der Kleinbauern. Foto: Ekkehard Rüger

Auch der Boom der Kleinröstereien steht für diesen Markttrend. Nach dem Konzentrationsprozess in den 70er und 80er Jahren gibt es inzwischen wieder rund 800 von ihnen allein in Deutschland. Manche bringen im Jahr gerade mal eine Tonne Kaffee auf den Markt. Andere wie die Rösterei Mocambo, in den 80ern als klassisches Garagen-Start-up gegründet, sind mit 1000 Tonnen jährlich und 30 Mitarbeitern zu einem mittelständischen Unternehmen angewachsen.

Für Geschäftsführer Maurizio Caccamo war es dennoch keine Frage, an diesem Tag gerne in die Gastgeberrolle zu schlüpfen. Mocambo will sich auch dem Microlot-Trend öffnen. „Derzeit arbeiten wir mit Mischungen, bei denen wir aber auch zum Teil schon die Ursprünge kennen“, sagt Caccamo. Noch ist sein Unternehmen kein Partner der Gepa. „Aber es gibt sehr gute Gespräche.“

Der Wuppertaler Fairhandelspionier mit über 40-jähriger Geschichte setzt bisher vor allem auf das Geschäftsmodell Röstkaffee. Die Gepa importiert jährlich 2500 Tonnen Rohkaffee, lässt ihn in ihrem Auftrag rösten und versorgt dann unter eigenem Namen Supermärkte, Eine-Welt-Länden und Großverbraucher. Über Microlot-Projekte will sie sich jetzt als Lieferant für Kleinröstereien auch im Rohkaffeehandel etablieren – um den kleinbäuerlichen Genossenschaften so neue Marktchancen zu eröffnen. Das Ziel: „Gutes Geld für gute Arbeit“, sagt Cruz Garcia. „Ich möchte nicht, dass die Kunden den Kaffee aus Mitleid kaufen, sondern weil er gut ist und schmeckt.“

Aber dafür müssen die Partner erst einmal wissen, welche Qualität in Deutschland gewünscht ist. Schon im vergangenen Jahr hatte es in Deutschland eine erste Fortbildungswoche mit den Genossenschafts-Verkostern gegeben. Damals war es um die Erwartungen der Gepa gegangen. Diesmal dreht sich die Woche um Handelsstrukturen, Vertriebskanäle der Gepa und den deutschen Markt der Kleinröstereien.

Elvin Ruiz, Qualitätsverantwortlicher der Genossenschaft RAOS in Honduras, schildert die Migrationsprobleme in seiner zentralamerikanischen Heimat. Haupteinnahmequelle sind die Zahlungen der Exil-Honduraner an ihre Landsleute daheim. Danach folgt der Kaffee. Aber der ruinöse Weltmarktpreis bietet kaum Zukunftsmöglichkeiten. „Gäbe es den fairen Handel nicht, wäre die Genossenschaft längst zusammengebrochen“, sagt er. „Wenn die Leute nur draufzahlen, wandern sie aus“, ergänzt Cruz Garcia.

Die Gepa bietet mit Dreijahresverträgen Planungssicherheit und erhöht die Kreditwürdigkeit der Kleinbauern. Und sie zahlt zwischen 190 und 320 US-Dollar für 100 amerikanische Pfund Kaffee (gut 45 Kilogramm). Die Börsenpreise für Arabica-Kaffee liegen derzeit um die 100 US-Dollar. „Aber ein Bauer braucht 185 Dollar, um seine Kosten zu decken.“

Auf dem Tisch in der ersten Etage der Mocambo-Rösterei ist inzwischen alles für die Verkostung der ersten vier Microlots vorbereitet. Das Verfahren, Brazil-Cupping genannt und an diesem Tag von der Kaffeeschule Hannover begleitet, ist standardisiert. Zunächst wird das Aroma des grob gemahlenen Kaffeepulvers bewertet, dann die Kruste, die sich nach dem Aufgießen an der Oberfläche bildet. Nach vier Minuten Brühzeit muss die Nase ein weiteres Mal herhalten, wenn der Kaffee mit einem Löffel durchgerührt wird.

Nach zehn bis zwölf Minuten, wenn der Kaffee eine Temperatur von etwa 60 Grad erreicht hat, beginnt die erste eigentliche Verkostungsrunde mit dem Löffel. Es folgen zwei weitere bei 50 und bei 40 Grad. „Je stabiler der Geschmack bleibt, desto besser ist der Kaffee“, sagt Thomas Brinkmann von der Kaffeeschule Hannover.

Rösterei Troxler hat die Gepa schon als Rohkaffee-Lieferanten

Unter denen, die sich in der Runde einen Eindruck von der Qualität der vertretenen Genossenschaften machen, ist Corina Kainz. Sie ist Leiterin der Wuppertaler Rösterei der Troxler Werkstätten, einer sozialtherapeutischen Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Vor drei Jahren nahm die Rösterei ihre Arbeit auf, 16 Menschen finden hier inzwischen Beschäftigung, es gibt einen kleinen Direktverkauf, aber das Hauptgeschäft läuft über den Onlineshop. Die Gepa ist hier erstmals auch Lieferant für Rohkaffee.

Kainz, ausgebildete Barista und Röstmeisterin, setzt ausschließlich auf fair gehandelte Biokaffees. 2018 wurden knapp vier Tonnen verkauft. „Wir hoffen, dass sich das noch ausweitet.“ Kainz verspricht sich von dem Zusammentreffen, gute Kaffees kennenzulernen, und ist an der Microlot-Idee auch sehr interessiert. Aber noch sieht sie Probleme: Weil Nachhaltigkeit bei der Rösterei eine große Rolle spielt, gibt es ein ausgefeiltes Verpackungskonzept mit einer biozertifizierten Druckerei. „Und ich kann schlecht für 100 Tüten Kaffee eine Extraverpackung drucken lassen.“ Da wird die Idee, einen limitierten und nicht immer verfügbaren Kaffee-„Grand Cru“ zu verkaufen, plötzlich zum Verpackungsproblem.

Elvin Ruiz verfolgt derweil gespannt, wie die Runde auf seine mitgebrachten Microlots reagiert, die anonymisiert zur Verkostung bereitstehen. Die paar Tage im Bergischen haben schon genügt, um ihm zu verdeutlichen: Honduras, immerhin fünftgrößter Kaffeeproduzent der Welt, ist in Deutschland nicht gut aufgestellt. Auf die Frage, ob die Bauern in seiner Heimat die Vorstellung nicht vielleicht befremdet, künftig mit dem eigenen Konterfei für die Herkunft einer besonderen Kaffeequalität zu stehen, schüttelt er den Kopf: „Wir wären sehr stolz, wenn wir die Möglichkeit dazu bekämen.“