Revolution im Wupper-Tal: Fahne des Kaisers gilt als Affront

Revolution im Wupper-Tal : Fahne des Kaisers gilt als Affront

Im November 1918 ziehen die Heimkehrer von der Front durch das Tal der Wupper.

Eine der größten Herausforderungen für den mit der Revolution entstandenen Arbeiter- und Soldatenrat wie für die Stadtverwaltungen in Barmen und Elberfeld war der zu erwartenden Durchmarsch der aus Frankreich zurück flutenden Truppen. Hierfür sah der mit den Siegermächten ausgehandelte Waffenstillstand einen exakten und engen Zeitrahmen vor.

Mitte November erreichte die deutsche Armee auf ihrem Rückweg von der Westfront den Rhein. Auf täglich zehntausend durchziehende Soldaten, die verpflegt und zum Teil einquartiert werden wollten, musste sich die Stadt vorbereiten. In der Stadt entspann sich eine Debatte um den Empfang der Soldaten. Der „General-Anzeiger“ rief dazu auf, die Truppen wie während des Krieges mit der Reichsflagge zu begrüßen.

Die Schülerkapellen, „die zu Kriegsbeginn und später so oft ihre Dienste in der Truppenbetreuung“ geleistet hätten, „brannten darauf, die Zurückkehrenden wieder zu empfangen“, behauptete der Redakteur des „General-Anzeigers“. Für den Arbeiter- und Soldatenrat war dieser Vorschlag ein Affront. Das Präsentieren der Flagge des deutschen Kaiserreichs wurde vom lokalen Arbeiter- und Soldatenrat untersagt. Die rote Fahne sei das Symbol des neuen Deutschlands. Als Kompromiss erlaubten die „neuen Machthaber“, so der „General-Anzeiger“, das Hissen der weiß-roten Fahnen des Bergischen Landes.

50 000 Brote täglich für
die Heimkehrer von der Front

In Kooperation mit der Stadtverwaltung organisierte der Arbeiter- und Soldatenrat die Unterbringung der Truppen in Schulen, öffentlichen Gebäuden, leeren Fabrikräumen und in den großen Vergnügungssälen der Städte. Zahlreiche Verpflegungsstationen wurden entlang der Durchzugsstraßen eingerichtet. Der Bedarf an zusätzlichen Nahrungsmitteln war gewaltig. In der Großbäckerei der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“ in Barmen wurden in diesen Tagen bis zu 50 000 Brote täglich gebacken – eine zuvor nie erreichte Leistung.

Am 22. November erreichten die ersten geschlossenen Formationen die Stadt. „In langen, langen Zügen“ kamen von Westen her, aus Köln über Haan und Vohwinkel „Artillerie- und Munitionskolonnen und Bagageautos durch, denen mit klingendem Spiel die Infanterie folgte. Alle wurden von der Bevölkerung freudig begrüßt.“ „Die Jugend kletterte auf die Wagen und Pferde und freute sich über die Freundschaft der Soldaten, (…) die durchweg den besten Eindruck machten“, so ein Beamter der Stadtverwaltung. Entgegen dem Verbot des Arbeiterrates hingen an den meisten der Bürgerhäuser an den Durchzugsstraßen die gewohnten schwarz-weiß-roten, die kaiserlichen Fahnen. In Ronsdorf hatte sich in diesem Flaggenstreit der dortige Arbeiter- und Soldatenrat durchgesetzt. Hier wurden die Truppen, vor allem bayerische Einheiten, wie vom lokalen Arbeiter- und Soldatenrat angeordnet, mit roten Wimpeln begrüßt.

Revolutionäre fuhren mit der Schwebebahn nach Vohwinkel

Die Sicherungspatrouillen der Arbeiterräte standen in dieser Zeit vor schwierigen Aufgaben. Es galt, die Machtverhältnisse, die in der Heimat durch die Revolution geschaffen worden waren, den von der Revolution nicht erfassten Truppenteilen im Westen zu verdeutlichen und sie zu wahren.

Am 27. November 1918 kam es in Vohwinkel zu einem ernsthaften Konflikt: Offiziere des Feldartillerie-Regiments Nr. 4 hatten die rote Fahne und das Begrüßungsschild am Kaiserplatz herabgeholt und den dortigen Arbeiter- und Soldatenrat verhaftet. Als man in Elberfeld davon erfuhr, schickte der Arbeiter- und Soldatenrat umgehend eine Abteilung Soldaten in einem Extrazug der Schwebebahn nach Vohwinkel. Dem Kommando gelang es noch am Abend, die Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates zu befreien und die revolutionären Machtverhältnisse wieder herzustellen.

Am nächsten Tag wurden der Vohwinkeler Bürgermeister Bammel, der Beigeordnete Muthmann und der Fabrikant Homann für einige Tage in ihren Wohnungen festgesetzt. Ihnen wurde Kooperation mit den konterrevolutionären Offizieren vorgeworfen. Dagegen wanden sich ein Großteil der Beamten der Stadtverwaltung und traten in den Streik. Aufgrund dieses Drucks wurde die Maßnahme nach kurzem wieder aufgehoben.

Ein Husarenoffizier wird von Soldaten vom Pferd gerissen

Am Tag nach dem Eklat in Vohwinkel, dem 28. November, meldete der „General-Anzeiger“ einen ähnlichen Fall in Elberfeld: „Ein Husarenoffizier wurde am Elberfelder Rathaus von Soldaten des Arbeiter- und Soldatenrates vom Pferde gerissen und in das nahe Polizeigefängnis in der Von der Heydt-Gasse gebracht, wo er festgesetzt wurde. Er sollte eine rote Fahne abgerissen und sich abfällig über ein Mitglied des Arbeiterrates geäußert haben. Daraufhin nahm eine Kompanie sächsischer Pioniere an der Klotzbahn Stellung und ließ erklären, wenn der Offizier nicht freigegeben würde, würden sie das Rathaus stürmen.“ Der Offizier wurde wenig später freigelassen.

Im großen Festsaale des Hotels Vogeler in Barmen kam es nachts um zwei Uhr zu einer Konfrontation zwischen Paul Sauerbrey, dem Leiter der Militärkommission des Arbeiter- und Soldatenrates, und den Offizieren des Regiments 243. Die Offiziere hatten ihre Einheiten in Alarmbereitschaft versetzt und angewiesen, alle wichtigen Plätze in Barmen zu besetzen. Sauerbrey gelang es, die Offiziere zu veranlassen, die Maßnahme wieder zurückzunehmen.

Walter Vesper, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats und der Sicherheitswehr, berichtet über diese Tage in seinen Lebenserinnerungen: „Die Arbeiterwehr, wir waren ca. 400 Kameraden, die sich bisher bewährt und politisch unter revolutionärem Kommando standen, erhielt den Auftrag, alle durchmarschierenden Truppenverbände zu entwaffnen. Wiederholt marschierten große geschlossene Truppenverbände der verschiedenen Waffengattungen mit allem Drum und Dran durch die Stadt.

Beeinflusst von reaktionären monarchistisch gesinnten Offizieren, versuchten die Unteroffiziere und Soldaten, sich den Anordnungen der Demobilisierung und Waffenabgabe zu widersetzen. Es kam des Öfteren zu Auseinandersetzungen, die nicht immer glimpflich abliefen; es gab Tote und Verletzte. Viel hing dabei vom Auftreten der Arbeiterwehren ab, wie sie es verstanden, die Kriegsmüdigkeit der Soldaten politisch auszuwerten und sie den Einflüssen der Offiziere zu entziehen.“

Wenn Konflikte mit den Truppen zu erwarten waren, rief die Sicherheitswehr die Belegschaften der nahen Betriebe zur Hilfe. Am Westende etwa, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, an der die chemischen und Farbenfabriken lagen, säumten dann die Arbeiter die Straßen und übten psychologischen Druck auf die Offiziere und Mannschaften aus.

Die Demonstrationen der Belegschaften sollten zeigen: in der Heimat stand die Arbeiterschaft auf Seiten der Republik und Revolution. Mit solchen Aktionen wuchs zugleich das Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft, die erfolgreich die Republik sicherte. Nach solchen Entwaffnungsaktionen standen „Entlang den Bürgersteigen Geschütze, Zugmaschinen und Fahrzeuge. Ganze Gespanne, die zurückgelassen wurden, wurden teils dem Fuhrpark der Stadt, teils der Landwirtschaft zugewiesen.“ Östlich von Barmen, außerhalb der Stadt und der von den Alliierten verfügten „neutralen Zone“, wurde ein großes Waffenlager angelegt, in dem tausende Waffen unter Aufsicht des Bezirks-Arbeiter- und Soldatenrates lagerten.

Der Saal des Wuppertaler Hofs brennt vollständig nieder

Zeitgleich wurden einzelne Militärabteilungen in der Stadt aufgelöst. Eine sehr große Auflösung fand am 29. November 1918 in Elberfeld statt. Über Nacht wurden 9000 Männer arbeitsuchend und hatten zugleich ihre feste Versorgung und Unterbringung verloren. Um diese riesigen Herausforderung zu bewältigen wurden die bisherige Barmer Arbeitsvermittlung, - „Arbeitsnachweis“ genannt -, in das paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern verwaltete Arbeitsamt umstrukturiert. Die Gründung des Arbeitsamtes war ein sozialpolitischer Meilensteine und eine Errungenschaft der jungen Republik (hierzu folgt ein eigener Artikel).

Kurz vor Abschluss des Rückzuges, am 7. Dezember 1918, brannte eines der Soldatenquartiere, der Saal des „Wuppertaler Hofs“ an der Schwebebahnstation Hammerstein in Vohwinkel, vollständig nieder. Eine „letzte Erinnerung an den Abmarsch der Truppen“, kommentierte der „General-Anzeiger“. Am 8. Dezember zogen die letzten Truppenteile aus ihren Wuppertaler Quartieren ab. Die neutrale Zone, zu der Ronsdorf, Elberfeld und Barmen gehörten, musste laut Vereinbarung mit den Siegermächten bis zum 10. Dezember 1918 von allen Militärverbänden geräumt sein.

Zugleich rückten die Soldaten der Siegermächte bis an den Stadtrand von Vohwinkel. Am 2. Dezember besetzten belgische Soldaten die Nachbarstadt Haan, am 13. Dezember die Briten den Landkreis Solingen. Das Wuppertal lag nun in der nicht besetzten, aber entmilitarisierten neutralen Zone. Die Grenze, bewacht von alliierten Soldaten, zog sich entlang der Wupper von Kohlfurth in Cronenberg bis Gräfrath und quer durch Vohwinkel.

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