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Fachkräftemangel in Wuppertal: Zu wenig Ausbildung und zu wenige Bewerber

Wirtschaft : Zu wenig Ausbildung, zu wenige Bewerber

Ob Physiotherapeuten, Pfleger oder Handwerker: Es mangelt in vielen Branchen in Wuppertal an Fachkräften.

Der Rücken schmerzt, die Wirbel knirschen, das Sitzen vorm Computer fordert seinen Tribut: Wie viele Berufstätige und Ältere benötigt Christian Brückner dauerhaft physiotherapeutische Behandlung, um sich einigermaßen schmerzfrei seine Arbeitskraft zu erhalten. Doch wer wie er nicht schon bei einem Therapeuten in fester Behandlung ist, sondern sich als Neu-Patient um Termine bemüht, muss oft zahlreiche Telefonate führen und manchmal schlicht Glück haben, um versorgt zu werden. Auch in Wuppertal sind viele Praxen ausgelastet, sie sehen sich außerstandekurzfristig Kapazitäten anzubieten.

Warum einer der Hauptgründe dafür Personalmangel ist, erklärt Michael Faulstich, Physiotherapeut in Elberfeld: „Bis auf wenige Ausnahmen hat die dreijährige Physio-Ausbildung in der Vergangenheit immer Geld gekostet, rund 15 000 Euro.“ Nicht wenig Geld, das von den Bewerbern selbst aufgebracht werden musste. Die Anfangsgehälter hätten in der Branche dann bei 1800, 1900 Euro brutto gelegen, so Faulstich, „und das nicht, weil die Arbeitgeber zu geizig gewesen wären – sondern, weil bei einem Stundenumsatz pro Mitarbeiter von rund 35 Euro einfach nicht mehr drin war.“ Wer dann noch notwendige Zusatzqualifikationen wie zum Beispiel Kurse für Lymphdrainage oder manuelle Therapie erwerben wollte, habe weitere 1300 oder 1500 Euro investieren müssen.

Entsprechend sei die Zahl der Schulabgänger, die sich für den Beruf entschieden, zuletzt überschaubar gewesen, und die wenigen 25 Absolventen eines Jahrgangs in Wuppertal seien oft noch während ihrer Ausbildung abgeworben worden. Seit 2018 sei die Situation zwar besser, da das Schulgeld in NRW ausgesetzt wurde. Doch es gebe nach wie vor zu wenige ausgebildete Physiotherapeuten auf dem Markt, sagt Faulstich, der selbst dringend sucht.

 Auch in der Pflegebranche ist der Fachkräftemangel zu spüren. Bundesweit kann jeder zweite Pflegedienst die offenen Stellen nicht besetzen.
Auch in der Pflegebranche ist der Fachkräftemangel zu spüren. Bundesweit kann jeder zweite Pflegedienst die offenen Stellen nicht besetzen. Foto: dpa/Jana Bauch

Jeder zweite Pflegedienst kann offene Stellen nicht besetzen

Ob Physiotherapie, Kranken- und Altenpflege – überall fehlen Kräfte. Jeder zweite Pflegedienst kann offene Stellen nicht besetzen, wie aus einer bundesweiten Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) hervorgeht.

 Im Bergischen Städtedreieck gibt es laut IHK einen Engpass von 10 000 Fachkräften.
Im Bergischen Städtedreieck gibt es laut IHK einen Engpass von 10 000 Fachkräften. Foto: dpa/Felix Kästle

Auch die Wuppertaler Verwaltung braucht Verstärkung. Bei der Suche nach Personal müsse die Stadt vielfach mit Angeboten und Gehältern der freien Wirtschaft konkurrieren, erklärt Stadtsprecherin Martina Eckermann, was die Situation nicht einfacher mache. Man setze daher auf Ausbildung und auf Faktoren, die jungen Experten zunehmend wichtig seien: Familienfreundlichkeit, die Sicherheit einer Beschäftigung im öffentlichen Dienst, geregelte Arbeitszeiten.

Oder auch spannende Projekte, wie Hans-Uwe Flunkert, Chef des Wuppertaler Gebäudemanagements (GMW), erklärt: „Wo sonst kann man auch schon mal eine Oper sanieren?“, scherzt er. Architekten und Architektinnen würden sich durchaus bewerben, „schwieriger ist nach wie vor die Gewinnung von technischen Ingenieuren wie im Elektrobereich oder in der Versorgungstechnik“, sagt Flunkert, der aktuell gern vier Stellen besetzen würde.

Die IHK meldet für das Bergische Städtedreieck  „einen Engpass von 10 000 Fachkräften, der sich noch bis zum Jahr 2030 verdoppeln wird“. Erfreulich sei, dass sich die Situation auf dem Ausbildungsmarkt etwas verbessert habe, Betriebe berichteten allerdings auch, dass das Besetzen der freien Ausbildungsstellen immer schwieriger werde.

Das kann Guido Haußmann bestätigen: „Woran es hapert, das ist oft die Einstellung der jungen Leute zur Arbeit“, sagt der Handwerksmeister, der in dritter Generation seinen Sanitär- und Heizungsbetrieb an der Westkotter Straße betreibt und seit vielen Jahren ausbildet. Jugendlichen falle es zunehmend schwer, sich in einen geregelten Arbeitsalltag einzugliedern, hat er beobachtet. Auch die Verständigung spiele eine wichtige Rolle,  Zeugnisnoten seien ein weiteres Thema.

Was ist also zu tun? Es gibt Vorschläge, die Zugangsvoraussetzungen für Berufszweige zu senken, um das Bewerberfeld, beispielsweise auf Quereinsteiger sowie Un- oder Angelernte zu erweitern. Michael Faulstich sieht das für den Bereich Physiotherapie kritisch. Er befürchtet: „Das könnte sich negativ auf die Qualität der Versorgung auswirken.“