Es ging immer um gut lesbare Geschichten

Es ging immer um gut lesbare Geschichten

Hermann Schulz wird am Samstag 80 Jahre alt. Der Wahlwuppertaler blickt auf ein an Büchern reiches Leben zurück.

Natürlich dominiert die Schrankwand das Wohnzimmer seiner Wohnung im Stadtteil Hatzfeld. Bücher sind das Thema seines Lebens. Ein intensives Leben, das ihn international bekannt gemacht hat. Das nunmehr, am 21. Juli 2018, 80 Jahre währt. Hermann Schulz, Bauernjunge, Verleger und Autor kam in einer Mission in Nkalinzi (Tansania) zur Welt, wuchs im Wendland auf. Nicht in Wuppertal, das Jahrzehnte später Heimat wurde. Im Gespräch mit der WZ blickt der Ehrendoktor der Bergischen Universität und dreifache Großvater zurück, erklärt, warum er ein Glücksmensch ist, wie er Johannes Rau erlebte und warum ihn die Situation in Nicaragua heute belastet.

Sie haben sich einmal als Glücksmensch bezeichnet.

Hermann Schulz: Ganz am Anfang war das Verhältnis zu meiner Mutter nicht sehr glücklich. Nach dem frühen Tod meines Vaters war sie eine Witwe mit vier Kindern und wenig Geld. Glücklich war ich, weil ich dann auf den Bauernhof zu meinen Großeltern im Wendland kam. Mit zehn kam ich zurück an den Niederrhein, war kein guter Schüler, hatte aber den großen Wunsch, die Welt zu entdecken. Vielleicht weil mein Vater als junger Mann als Missionar nach Afrika gegangen war. Nach einer Buchhandelslehre fuhr ich mit 21 Jahren in den vorderen Orient, wollte dort bleiben, weil das Leben mich dort gut behandelte. Ich kam nur wegen der Arbeitserlaubnis nach Deutschland zurück. Weil meine Familie in einem katastrophalen Zustand war, blieb ich.

Wie kamen Sie nach Wuppertal?

Schulz: Ein früherer Arbeitskollege sagte mir, dass Johannes Rau jemanden für den Peter Hammer Verlag suchte. Rau stellte mich ein, ich kriegte freie Hand zu tun, was ich für richtig hielt. Wir arbeiteten fünf Jahre zusammen. Er war nett, burschikos, humorvoll. Aber er konnte auch kleinlich sein, achtete auf die Form.

Wer Hammer Verlag sagt, muss auch Schulz sagen.

Schulz: Rau schied Anfang 1967 aus und schlug mich als Nachfolger vor. Ich baute die lateinamerikanische Literatur um Ernesto Cardenal auf. Das war für mich auch ein Politisierungsprozess, weil in Nicaragua eine Diktatur herrschte. Ich fuhr dorthin, lernte die Theologie der Befreiung kennen. Durch Cardenal kam ich wiederum zu weiteren Autoren. 1972, auf einer dreimonatigen Reise, lernte ich den uruguayischen Autoren Eduardo Galeano kennen, dessen Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ ich verlegte. Er wurde das Flaggschiff des Lateinamerika-Programms. Es ging mir immer um gut lesbare Geschichten, die etwas von der Lebensweise der Kontinente vermitteln. Nicht literarisch hoch ambitionierte Bücher. Das habe ich auch so gemacht, als ich mich ab 1977 der afrikanischen Literatur zuwandte.

Wie kamen sie dazu?

Schulz: Ich wollte mein Geburtshaus besuchen, erlebte dort einen überwältigenden Empfang und reiste dann durch acht afrikanische Länder, um zu sehen, was die an Literatur haben. Außerdem besuchte ich afrikanische Kongresse in Europa und lernte so die erste Garde deren Literatur kennen, woraus über 300 Romane und Sachbücher entstanden. Auf einer weiteren Reise entstand die Idee zur Serie afrikanischer Gegenwartsliteratur mit deren wichtigsten Vertretern, die 24 Bände umfasst.

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Schulz: Bei einem Urlaub 1995 in Mexiko. Ich wollte eigentlich lesen, als eine Geschichte an die Tür klopfte. Mit war es, als würde ich eine alte Flaschenpost entziffern. Es ging um eine Vater-Kind-Geschichte, in der sich die Sehnsucht nach meinem eigenem Vater spiegelte. Ich schrieb drei Wochen lang, verwahrte die Geschichte zu Hause im Schrank. Als mich der Verleger vom Carlsen Verlag besuchte, erzählte ich davon. Wolff Erlbruch (Schulz holte ihn zum Hammer Verlag, Red.) war sofort bereit, das Buch zu illustrieren. „Auf dem Strom“ erschien 1998 als ich 60 Jahre alt war. Es wurde ein großer Erfolg. Ein Buch in der Hand zu haben, zu wissen, das hat nur mit dir zu tun und interessiert die Menschen. Das puscht das Selbstwertgefühl.

Was macht mehr Spaß?

Schulz: Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich war leidenschaftlich Verleger und ich habe in 20 Jahren 26 Bücher, Kinder-, Bilderbücher, Romane veröffentlicht. Dabei geht es mir immer wieder um Zivilcourage und das Ernstnehmen kindlicher Realitäten.

Ihr aktuelles Buchthema?

Schulz: Es geht um eine Afrikanerin, die ich 1977 in Togo kennenlernte und die in Wuppertal aufgewachsen war. Ihr Leben spiegelte Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit und Nachkriegszeit. Eine afrikanisch-deutsche Geschichte und ein toller Roman-Stoff.

Was reizt Sie am Reisen?

Schulz: Das Fremde als das noch nicht entdeckte Eigene kennenzulernen. Es erweitert den Blick auf die Welt. In diesem Jahr war ich in Nicaragua, muss aber jetzt wegen der Gesundheit etwas kürzer treten.

Welcher Ihrer Berufe war Ihnen der liebste?

Schulz: Verleger, ein großartiger Beruf.

Was schätzen Sie an Wuppertal?

Schulz: Die Vielfalt, die Kultur, die Kulturszene, die Offenheit der Kulturträger — die Intendanten, die literarischen Gesellschaften. Hier bewegt sich sehr viel. Und ich habe hier viele meiner Freunde.

Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Schulz: Ich denke an meine drei Kinder, die sich am meisten freuen. Die Ehrendoktorwürde war auch eine Bestätigung für die vielen Jahre der Plackerei.

Wie feiern Sie Geburtstag?

Schulz: Am 21. Juli kommen meine Kinder, Enkel, die Mutter meiner Kinder, Bürgermeisterin Ursula Schulz, und vier, fünf enge Freunde. Am 24. Juli gibt es eine offizielle Feier mit über 100 Gästen an der Uni.

Welche politischen Themen beschäftigen Sie?

Schulz: Ich bin nur indirekt politischer Autor. Die aktuelle Situation in Nicaragua, wo nach der Befreiung ein Rechtsruck kam, ist entsetzlich. Eine Demokratie ohne Kontrolle geht nicht. Wir leben hier in einer noch fast heilen Blase, aber die ganze Diskussion um die Flüchtlingspolitik beschäftigt mich natürlich sehr. Ich habe aber keine Lösung anzubieten.

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