90 Wuppertaler Jahre: Erika Osenberg: „So alt wie meine Stadt“

90 Wuppertaler Jahre : Erika Osenberg: „So alt wie meine Stadt“

Die bekannte Vohwinkelerin feiert dieses Jahr mit Wuppertal: Sie wird im Dezember 90.

Mit 90 darf man ein wenig eigenwillig sein. Insbesondere, wenn man so viel erlebt hat wie Wuppertal seit seiner Geburt als Großstadt im August 1929. „Die Bergischen sind Individualisten“, sagt Erika Osenberg, die sich mit dem Schicksal des Tals schon immer in besonderer Weise verbunden fühlt: Am 27. Dezember 1929 erblickte sie in der Elberfelder Südstadt das Licht des Bergischen Landes. „Ich bin so alt wie meine Stadt“, sagt die bekannte Vohwinkelerin und langjährige Vorsitzende der Werbegemeinschaft Aktion V gern über ihre Heimat, „die ich heiß und innig liebe“.

Mit dieser Zuneigung ist sie nicht allein – auch wenn die Talbewohner mit entsprechenden Gefühlsausbrüchen meist geizen.

Geht es hingegen darum, leidenschaftlich zu diskutieren und zu kritisieren, dann läuft der Wuppertaler zu Höchstform auf. „Das war schon immer so. Und es stimmt auch, dass Barmer eher westfälisch-zurückhaltend sind und der Vohwinkeler sich mehr mit dem rheinischem Frohsinn identifizieren kann“, meint Erika Osenberg, selbst seit 45 Jahren Wahlvohwinkelerin.

Ihr Elternhaus stand an der Cronenberger Straße, als sie fast sechs war, zog die Familie in die Steinbeck, dann veränderte der Krieg ihr Leben wie das so vieler Menschen. „Nach dem Bombenangriff auf Barmen am 30. Mai 1943 wurde unsere Mädchen-Mittelschule Süd evakuiert, zunächst nach Pfronten im Allgäu“, berichtet sie: „Dort haben wir vom Angriff auf Elberfeld erfahren.“ Nur etwas mehr als ein Dutzend Häuser sei am 25. Juni in ihrem Teil der Südstadt stehengeblieben.

Für die Schülerin ging es weiter nach Rudolstadt in Thüringen, wo Erika Osenberg in Ermangelung einer anderen weiterführenden Schule das dortige Gymnasium besuchen und Abitur machen konnte. „Ich wäre so gern Bauingenieurin geworden“, sagt sie bedauernd. Doch Chancengleichheit sahen die Zeiten damals nicht vor, auch das junge Wuppertal war noch Jahrzehnte vom heute selbstverständlichen Girls’ Day entfernt, bei dem sich Mädchen regelmäßig über berufliche Möglichkeiten in klassischen Männerjobs informieren.

Daran war 1950 nicht zu denken. Als ihr Vater, ein gelernter Buchhändler, entsprechende Anfragen stellte, wurde er ausgelacht. Ein Mädchen? Ingenieurin? Unmöglich. Stattdessen machte die studierte Industriegrafikerin und Marketing-Fachwirtin eine andere berufliche Karriere und engagierte sich unter anderem als Werbeexpertin.

Bergauf ging es ab den 1950er Jahren auch für die Stadt, wirtschaftlich, kulturell, gesellschaftlich. Doch schwere Versäumnisse und Fehlentscheidungen seien ebenfalls zu beklagen: „Der Abriss der Barmer Bergbahn gehört dazu, das war eine echte Attraktion.“ Nun werde womöglich erneut ein großer Fehler begangen, glaubt Osenberg und outet sich als entschiedene Seilbahn-Gegnerin: „Viel zu teuer, für zu wenige Nutzer sinnvoll und ohne touristischen Wert – was soll das? Wir haben hier doch schon eine ,Seilbahn’, nämlich unsere Schwebebahn!“

Als der Laster ins Schwebebahngerüst krachte

Anlässlich des Gedenkens an den Absturz von Wuppertals Wahrzeichen erinnert sich die Vohwinkelerin an den vergleichsweise harmlosen Zwischenfall mit dem Laster: „In den 60er Jahren fuhr ein Lkw einer Frechener Spedition in Höhe Möbelhaus Pistor einen Schwebebahnpfeiler an, und ein Teil des Gerüsts kam herunter. Ich wohnte im Eckhaus Sonnborner Straße/Am Thurn: Eine Riesenhektik und wildes Gerenne waren auf der Straße im Gange. Emil Pistor kam um die Ecke, und mein Vater fragte: ,Emil, was ist denn los?’, und der antwortete: ,Die Schwebebahn is runtergekommen!’ Was meinem Vater bloß ein ,Du bist doch bekloppt!’ entlockte. Die Reparaturarbeiten dauerten nur ein paar Wochen und brachten als Ergebnis, dass seit dieser Zeit die Pfeiler zu ihrem Schutz mit den heute bekannten Betonschürzen versehen wurden.“

„Der Elberfelder ist Elberfelder und kein Wuppertaler“

90 Jahre Bergische Metropole: „Was sich nicht geändert hat, das ist die Identität der einzelnen Stadtteile“, sagt Erika Osenberg: „Der Elberfelder ist Elberfelder und kein Wuppertaler, und das gilt für Barmer oder Cronenberger genauso.“ Sie alle unter einen Hut zu bekommen, habe Politik und Verwaltung von jeher vor Herausforderungen gestellt. Einige Stadtoberhäupter hat Erika Osenberg kommen und gehen sehen, ihr Lieblingsoberbürgermeister hieß Hans Kremendahl: „Er war ein Verwaltungsprofi, hatte eine klare Linie und hat dem Ansehen der Stadt gutgetan.“

Eine Feier wie 2009 wird es für die Jubilarin im Dezember nicht geben, denn körperlich ist die ansonsten agile Vohwinkelerin nicht mehr so fit wie seinerzeit. Doch sie interessiert sich noch immer dafür, wie Wuppertal und speziell der Westen vorankommen können. Auf Stadtteilverschönerungen, Veranstaltungen und Aktionen bürgerschaftlichen Engagements kann sie zurückblicken. Egal, ob es dabei um so große Feste wie den alljährlichen Vohwinkel-Tag ging, den die Aktion V-Vorsitzende bis 2011 quasi im Alleingang organisierte, oder um die Umsetzung guter Ideen – sie beim Nichtstun zu überraschen, ist fast unmöglich.

Und bis heute schreibt sie ihre kleine Platt-Kolumne in der WZ-Stadtteilausgabe V-Express. Mehr als 400 Folgen vom „Füchsken“ sind mittlerweile veröffentlicht. „Denn was die Wuppertaler schon immer trennte, war der Dialekt. Zwischen den drei Grundrichtungen Barmer-, Elberfelder- und Cronenberger Platt bestehen ganz erhebliche Unterschiede.“

Sie hofft, dass die Plattkaller nicht mit ihrer Generation verschwinden, sondern junge Mundartfreunde nachrücken. Da ist sie optimistisch wie eh und je – denn egal, was passiert, sie versucht stets, der jeweiligen Situation etwas Positives abzugewinnen. „Ein Tag, an dem ich nicht irgendetwas zwischen den Fingern habe, was ich managen kann, ist ein verlorener Tag. Und ein Tag, an dem ich nicht gelacht habe, auch.“

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