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Endet mit der Lindenstraße auch die Welt?

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Endet mit der Lindenstraße auch die Welt?

Ich möchte vorausschicken, dass ich sehr gerne zu Hause bin. Wohnen zu können ist ein unschätzbarer Wert, das sollte uns allen bewusst sein. Nicht jeder Mensch hat das Privileg, ein Dach über dem Kopf zu haben.

So weit ich zurückdenken kann, hatte ich immer eine Wohnung. Zu Beginn meines Lebens durfte ich einige Jahre bei meinen Eltern wohnen. Als diese Betreuungszeit zu Ende ging, begab ich mich in die Obhut meiner ersten Freundin. Später wohnte ich in Wohngemeinschaften oder alleine. Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, habe ich als Kind in drei verschiedenen Wohnungen mit meinen Eltern gelebt. Ohne Vater, Mutter und Bruder  bezog ich bis heute insgesamt neun Wohnungen, eine schöner als die andere. Bei der Auswahl meiner angemieteten Wohnungen war ich stets sehr sorgsam. Potenzielle Vermieter wurden von mir zunächst auf Herz und Nieren überprüft. Alles musste passen. Was nützt mir eine tolle, große Wohnung mit Dielenboden, Südbalkon und Wupperblick, wenn der Vermieter ein Blödmann ist, der einem das Wohnen ständig zur Hölle macht. Wenn nach allen notwendigen Überprüfungen ein Mietvertrag zustande kam, hatte ich keine Zweifel mehr, dass meine Wohnungswahl richtig war. Tja, was das Wohnen angeht, da macht mir so schnell niemand etwas vor. Die Tradition, schöne Wohnungen in attraktiven und landschaftlich reizvollen Gegenden anzumieten, kann man bei meiner Familie bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgen. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich keine großen Probleme mit der heimischen Quarantäne. Das Wohnen wurde uns Beckers anscheinend in die Wiege gelegt. Anders ausgedrückt: meine Familie hat es einfach im Blut, die Häuslichkeit und die Standortliebe. Eine Woche Hausarrest als Strafe hat mich schon in der Kindheit nicht hart getroffen. Als mein Vater mich mal erwischte, wie ich aus Jux auf dem Trottoire hockte, vor mir lag Großvaters Hut und ein Pappschild mit der Aufschrift „ICH HABE HUNGER!“, schleifte mein Vater mich zornig an den Ohren von der Straße. Vom erbettelten Geld musste ich dann, bevor ich zum Stubenarrest verurteilt wurde, meiner Mutter einen Blumenstrauß kaufen. Ihre Freude hielt sich in Grenzen, weil mich auch Nachbarn beim Betteln beobachtet hatten. In der Einsamkeit wurde meine Fantasie positiv beeinflusst. Mein Kinderzimmer war nun eine Gefängniszelle in einem Hochsicherheitstrakt, in der ich eine lebenslange Haftstrafe wegen zehnfachen Mordes absitzen musste. Beim Abendbrot lehnte ich die von meiner Mutter dargebotenen Brote mit Salami und Käse ab und verlangte stattdessen nur Wasser und trockenes Brot. Ich wollte auch nicht am Tisch sitzen, sondern zurück in meine Kinderzelle. Meine Mutter fand das übertrieben, aber mein Vater  schien beruhigt, weil ich die Strafe scheinbar ernst nahm. Als ich in der Nacht vor Kohldampf nicht schlafen konnte, schlich ich mich in die Küche und schmierte mir ein paar Stullen. In dieser Nacht stellte ich mir auch nicht mehr vor, dass ich im Zuchthaus einsaß, sondern mein Bett war ein kleines Segelboot, das am Bermuda Dreieck bei Windstärke 12 in Seenot geriet. Ich hatte nur mein junges Leben, Großvaters alten Hut und zwei Butterbrote an Bord, eins mit Käse und eins mit Salami. Auch heute, als Erwachsener mit Ausgangssperre light, kann ich mich in der Wohnung gut beschäftigen.

Gestern habe ich kurz in der Bibel geblättert, später in einem alten Schulatlas. Mit Fensterputzen warte ich noch, schaue, ob es sich noch lohnt. Auch alle anderen körperlich anstrengenden Arbeiten verschiebe ich auf eine Zeit, in der die Hoffnung des Überlebens wieder größer ist. Ich bleibe gerne noch viele Jahre zu Hause, das wird man sich als Rentner ja wohl wünschen dürfen. Im Laufe dieser Woche werde ich mir noch alte Folgen der Lindenstraße in der ARD-Mediathek anschauen. Am Sonntag wird die letzte ausgestrahlt. Ein Zeichen? Ist die Menschheit nun endgültig verloren? Ich hoffe und glaube, wenn ab April die Lindenstraße auf RTL 2 weiterläuft, werden wir alle überleben.