Privatschulen in Wuppertal: „Eltern suchen gezielte Förderung“

Privatschulen in Wuppertal : „Eltern suchen gezielte Förderung“

Rund 2300 Schüler besuchen eine private Einrichtung. Lehrergewerkschaft kritisiert den Trend.

Sie sind elitär, beliebt und bringen das Potenzial des einzelnen Schülers noch mehr hervor: Dieses Image herrscht in den meisten Köpfen über Privatschulen vor. Und dass immer mehr Kinder keine staatliche Schule mehr besuchen, sondern von ihren Eltern auf eine private Schule geschickt werden, zeigen aktuelle Studien. Neun Prozent aller Schüler gehen nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung auf eine privatwirtschaftlich betriebene Schule.

Auch Wuppertal zeigt in Sachen Anmeldungen bei Privatschulen mehr als konstante Zahlen. 45 000 Schüler besuchen städtische Schulen. Im laufenden Schuljahr gehen im Vergleich dazu rund 2230 Kinder derzeit auf eine Privatschule, im Schuljahr 2017/2018 waren es 2222. Blickt man noch weiter zurück und zwar in das Jahr 2013 waren es damals nur sechs Kinder mehr.

Lediglich 2016 war ein „kleiner Einbruch“ zu verzeichnen mit 2015 Schülern. Das erklärte Rainer Neuwald, stellvertretender Leiter des Stadtbetriebs Schule, auf Anfrage unserer Zeitung. Er erhält von der Tagesschule Dönberg, dem erzbischöflichen St. Anna Gymnasium, der Rudolf-Steiner-Schule, der Realschule Boltenheide und der Freien Schule Bergisch Land die aktuellen Anmeldezahlen. So bekommt die Stadt auch bei den nichtstädtischen Schulen einen Überblick.

Lehrer besuchen ihre Schüler
und deren Eltern zuhause

Eine Schule, die der Stadt regelmäßig ihre Zahlen übermittelt, ist die Realschule Boltenheide. Für das kommende Schuljahr hat sie 15 Anmeldungen erhalten, sagt Schulsekretärin Heike Kromberg. Derzeit besuchten 160 Schüler die Realschule, Platz sei aber für 200 Kinder. Es sei also durchaus noch Spielraum da.

Kromberg, die seit zehn Jahren an der Boltenheide arbeitet, sieht die Vorteile an ihrer Privatschule vor allem in der Nähe und der persönlichen Förderung. Ihre Beobachtung: „Die Eltern suchen genau diese gezielte Förderung. Nach den Sommerferien startet unsere große Klasse 5 mit 15 Kindern, die höheren Klassen bestehen aus maximal 20 Schülern. Wir haben alle im Blick.“ So sehr, dass Lehrer an der Realschule Boltenheide, die monatlich 190 Euro kostet, die Schüler zu Hause besuchen, um mit den Eltern über Perspektiven zu sprechen.

„Die Zahlen sprechen
für ein strukturelles Problem“

Doch nicht jeder ist von den konstant bleibenden Zahlen an den Wuppertaler Privatschulen begeistert. Kritik kommt vom Stadtverband Wuppertal der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Tino Orlishausen gehört zum Leitungsteam und begründet die Vorbehalte: „Die Zahlen sprechen für ein strukturelles Problem in Wuppertal. Denn wenn die Zahlen konstant sind, heißt es, dass das Problem schon lange da ist.“ Orlishausen verwies dabei auf die jüngsten Anmeldezahlen: 956 Kinder werden ab dem Sommer eine Gesamtschule besuchen, 928 ein Gymnasium (die WZ berichtete).

Dabei hatten noch mehr Familien den Wunsch, ihr Kind auf eine Gesamtschule zu schicken: Insgesamt 1434 (49 Prozent aller Schüler) hatten eine Anmeldung versucht – ein Höchststand. In diesem Jahr bekamen 478 Kinder eine Absage. „478 Kinder haben eine Absage bekommen. Natürlich müssen die Eltern dann ausweichen“, erklärte Orlishausen. Die Lehrergewerkschaft habe sich seit jeher für eine siebte Gesamtschule ausgesprochen. „Und eigentlich brauchen wir auch eine achte und neunte“, resümierte Tino Orlishausen.

Natürlich wolle die Lehrergewerkschaft nicht per se die Institution Privatschule verurteilen, doch man beobachte die Entwicklungen in der Wuppertaler Schullandschaft kritisch. „Privatschulen fördern eine Selektion und das wollen wir auf keinen Fall“, sagte Orlishausen. „Die, die es sich leisten können, melden sich an.“ Ein weiterer Punkt für ihn: die öffentliche Anbindung in Wuppertal. Oftmals seien den Eltern die Wege zu weit, da zöge man die Privatschule vor. Tino Orlishausen Fazit: „Schülern und ihren Eltern wird es in Wuppertal nicht leicht gemacht. Das fängt schon bei der Grundschule an.“

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