Else Lasker-Schüler — das Herz der Avantgarde

Else Lasker-Schüler — das Herz der Avantgarde

Wuppertals berühmte Dichterin war stets selbstbewusst und scheute sich nicht ihre eigenen Verleger schonungslos zu kritisieren.

„Es pocht eine Sehnsucht an die Welt / an der wir sterben müssen“. In traumwandlerischen Versen durchstieß sie den engen Horizont unseres Alltags, heißt es in einem Lob über Else Lasker-Schüler. Lange vor männlichen Kollegen wie Jakob von Hoddis dichtet sie „Weltende“, gültig nicht nur nach dem Holocaust: „Es ist ein Weinen in der Welt / als ob der liebe Gott gestorben wär“. So beginnt dieses erste expressionistische deutsche Gedicht. Geschrieben 1902. Sie gilt als die Dichterin der Moderne. 450 Komponisten haben ihre Verse vertont, darunter die Wuppertaler Peter Michael Braun, Wolfgang Schmidtke und Ulrich Klan. Sie schätzen ihre Lyrik, die sich nicht oberflächlich genießen lässt. Enthält sie doch dunkle Momente, Erotik, Eifersucht, Schmerz und Trauer, die Außenwelt mit der Seelenwelt konfrontierend.

Ihr erster Lyrikband „Styx“ (1902) ist noch vom Impressionismus geprägt. Bereits ihr Gedichtband „Der siebente Tag“ (1905) wird dem Expressionismus zugeordnet. Sechs Jahre später erscheint ihr dritter Gedichtband „Meine Wunder“. Die „Königin der Bohème“, wie sie jetzt genannt wird, beschäftigt sich intensiv mit orientalischen Mythen, erfindet wundersame Worte wie „Mostvergorenheit“. Ihre Prosabände „Das Peter-Hille-Buch“, das die Beschäftigung mit dem Tod thematisiert, und „Die Nächte der Tino von Bagdad“ werden 1906 und 1907 veröffentlicht. 1909 entstehen ihr Theaterstück „Die Wupper“ und 1913 ihre „Hebräische Balladen“. Die Identifikation mit ihren Werken geht so weit, dass sie sich „Prinz von Theben“ nennt. Dieser Name ist auch der Titel ihres vierten Gedichtbandes.

Ihre Vortragsreisen mehren ihren Ruf als bedeutendste Künstlerin des Expressionismus. Es entstehen Gedichte in einer einzigartigen Sprache bis hin zum Dadaismus und Slapstick. Mit der extremen Abwendung vom gängigen Kulturbetrieb verstärkt sich zugleich die Kritik an ihrem Werk und Lebensstil. Selbst ihre Verleger distanzieren sich. ELS, verbittert, rechnet mit dem Pamphlet „Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger“ ebenso schonungslos wie mutig mit ihren Kritikern ab. Kühn sägt die alleinerziehende Mutter an dem Ast, auf dem sie sitzt. Dieser Umstand und der Tod ihres Sohnes Paul führen zu einer Schaffenspause. Umso erstaunlicher, dass ihr 1932 der renommierte Kleist-Preis zuerkannt wird, die höchste deutsche Literaturauszeichnung. Mit 63 Jahren hat sich die älteste Preisträgerin gegen Kandidaten wie Hans Fallada durchgesetzt. Gottfried Benn telegrafiert: „Ein Glückwunsch der deutschen Dichtung.“

Die Auszeichnung belegt ihr hohes Ansehen. Es zeigt aber auch, dass ihr Schaffen nicht mehr von ihr selbst bestimmt werden kann, sondern von politischen Umständen abhängig ist. Das Publikationsverbot trägt ebenso dazu bei wie 1933 ihre Emigration in die Schweiz. Dort macht sie 1936 noch einmal mit dem christlich-jüdischen Versöhnungsstück „Arthur Aronymus und seine Väter“ auf sich aufmerksam. In der Tragödie „Ichundich“ von 1940 nimmt sie hellsichtig zum politischen Geschehen während der Nazizeit von Jerusalem aus Stellung nimmt. Es gilt ebenso wie ihr letzter Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) als bedeutendes Exilwerk. „Und da die Wahrheit ich berichte wenn ich dichte, lasst allen Zweifel außer Acht!“ Jeder Satz schwingt. Vielleicht ist es dieser Blues, der Übersetzer in aller Welt so fasziniert. „IchundIch“ ist eine Antifaschismus-Tragikomödie, welche Faust vor die Gretchenfrage der Deutschen Kultur angesichts des Grauens stellt. „IchundIch“ ist kühn, Chaplins und Lubitschs Faschismus-Satire ebenbürtig, wegbereitend für Brechts und Becketts Theaterästhetik.

Mehr von Westdeutsche Zeitung