Einst sollte der Mirker Bahnhof dem Döppersberg Konkurrenz machen

Einst sollte der Mirker Bahnhof dem Döppersberg Konkurrenz machen

Das heutige Kulturzentrum an der Nordbahntrasse war als prachtvoller Hauptbahnhof geplant.

Mirke. Seit 2011 ist der Mirker Bahnhof an der Nordbahntrasse Heimat des Projekts Utopiastadt und als Begegnungszentrum aus dem kreativ-kulturellen Leben der Nordstadt nicht mehr wegzudenken. Das Gebäude beherbergt unter anderem die Gastronomie Hutmacher, einen Co-Working-Space, einen Fahrradverleih und eine zugehörige Werkstatt. Auf dem gesamten Gelände wird unaufhörlich gebaut und gestaltet. Doch bevor Utopiastadt den Bahnhof wiederbelebte, stand das charakteristische Gebäude leer. Und davor?

Foto: Andreas Fischer

Einst sollte der Mirker Bahnhof dem heutigen Hauptbahnhof am Döppersberg Konkurrenz machen: Die Rheinische Eisenbahngesellschaft (REG) plante zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Eisenbahnstrecke von Düsseldorf-Derendorf durch die damalige Handelsstadt Elberfeld bis nach Wichlinghausen, obwohl die Konkurrenzstrecke der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft zwischen Düsseldorf und Hörde bereits in Betrieb war. Die neue Linie sollte nahezu parallel entlang der Berghänge des Wuppertals führen, was den Bau erheblich erschwerte: An den Nordhängen mussten Kalkstücke gesprengt und Viadukte und Tunnel gebaut werden, um die Strecke zu begradigen — wer sich ab und zu auf der Nordbahntrasse aufhält, wird das wiedererkennen.

Die zusätzliche Bahnstrecke sollte ein Prestigeprojekt werden, um den durch einen vorherigen Projektstreit geschädigten Ruf der REG aufzubessern. Der Bau der Strecke und ihrer Bahnhöfe Ottenbruch, Mirke, Unter-, Mittel- und Oberbarmen wurde 1873 durch den preußischen Staat genehmigt. Der Mirker Bahnhof sollte nach dem Vorbild des Londoner Eisenbahnhotels der South Eastern Railway neben dem Empfangsgebäude ein Bahnhofshotel mit zunächst 65, in späteren Planungsschritten bis zu 95 Zimmern, einen Speisesaal, einen Billardsaal und ein Lese- und Damenzimmer beherbergen. Abbildungen der Ursprungspläne des Baumeisters Eberhard Wulff zeigen ein dreistöckiges Gebäude mit einer säulengeschmückten Galerie.

Danach verzögerte sich der Bau, die Stadt Elberfeld stellte neue Forderungen und aus dem geplanten Prachtbau wurde aus finanziellen Gründen ein bescheideneres Fachwerkgebäude. Die roten Ziegel, die bis heute die Fassade des Bahnhofsgebäudes prägen, wurden allerdings beibehalten, da die nötigen Ringöfen für deren Herstellung bereits gebaut worden waren. 1882 wurde der Bahnhof fertiggestellt, die Strecke konnte sich aber nicht gegen die Konkurrenz der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft durchsetzen.

Während die Bahnhöfe Wichlinghausen und Heubruch dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen, verlor der Mirker Bahnhof erst 1981 seine Bahnsteigüberdachung. Das ansonsten erhaltene Gebäude wurde im Juli 1987 unter Denkmalschutz gestellt. Im September 1991 wurde die kaum noch befahrene Strecke endgültig stillgelegt und das Gebäude verfiel allmählich.

Nachdem zunächst der Aufbau eines kleinen Theaters im Gespräch war, zog 2011 die Utopiastadt ein. Ende August 2013 eröffnete das Café Hutmacher, dessen Räume heute sowohl pausierenden Trassenbesuchern als auch Veranstaltungen wie Konzerten und Lesungen Platz bieten. Seither wird die ehrenamtlich betriebene Utopiastadt kontinuierlich ausgebaut und ist zum Dreh- und Angelpunkt des Mirker Viertels geworden. Aber fertig sind die Utopisten noch lange nicht: Im März informierten sie auf ihrer Webseite über die Ausschreibung für ein Planungsteam für die Ausführungsplanung und Bauleitung einer umfassenden Sanierung. Der architektonische Entwurf, die Baugenehmigung und der Zuwendungsbescheid Städtebauförderung lägen vor, hieß es auf der Webseite. Es bleibt also spannend im Mirker Bahnhof.

Mehr von Westdeutsche Zeitung