Begrabt mein Herz in Wuppertal: Eine Wohnung ohne Keller

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Eine Wohnung ohne Keller

Ein Trauma für Uwe Becker: Jedes Jahr musste er als Kind ins dunkle Untergeschoss hinabsteigen, um dort den Weihnachtsschmuck zu holen.

In meiner Kindheit lagerten im heimischen Keller zwei Schachteln, in denen sich wichtige Dekorationsmittel befanden, die kurz vor den Festen vom Keller in die Wohnung überführt wurden. Die Utensilien wurden dann feierlich auf Regalen, an Fenstern und Türen, an einer gefällten Tanne oder auf dem Esstisch platziert. Einer dieser Kartons beinhaltete Osterdekorationen: kleine Hasen aus Holz, die Rucksäcke mit buntbemalten Eiern trugen. Des Weiteren noch anderes Zeugs, deren genaue Beschreibung ich mir hier ersparen möchte. In der anderen Schachtel befand sich der Weihnachtsschmuck, den meine Mutter von ihrer Mutter geerbt hatte. Meine Großmutter hatte den Schmuck von ihrer Mutter bekommen. Ob meine Urgroßmutter die Holzkrippe aus dem Erzgebirge, Kugeln, Lametta, und Sterne seinerzeit wiederum von ihrer Mama bekam, entzieht sich meiner Kenntnis. Sicher ist aber, irgendeine Mutter muss den ganzen Kram irgendwann einmal gekauft haben, und wenn es im 17. Jahrhundert oder früher war. Warum muss ich jetzt gerade an Alfred Hitchcocks „Psycho“ denken? Erstaunlich finde ich, dass der festliche Baumschmuck meiner Familie nicht nur viele Jahrzehnte, sondern auch den Krieg unbeschadet überstanden hat. Aber ich weiß auch warum: Als im 2. Weltkrieg die Sirenen heulten, um die Bevölkerung vor den Bombern zu warnen, flohen die Menschen in öffentliche Luftschutzbunker oder in die Keller ihrer Wohnhäuser. Auch wenn ihre Wohnungen niederbrannten, konnten viele Menschen dort unten überleben und auch der empfindliche Christbaumschmuck blieb heile.

Als kleiner Junge fürchtete ich den schmutzigen, dunklen Keller der zur unserer Wohnung in Barmen gehörte. Wenn sich die Oster- oder Weihnachtszeit ankündigte, wurde mir schon Angst und Bange, gehörte es doch, als jüngster Spross der Familie, leider zu meinen Pflichten, eine der beiden mit Dekorationsmitteln gefüllten Schachteln aus dem verhassten Keller zu holen. Mein älterer Bruder freute sich dann immer, nein, nicht auf Weihnachten, sondern weil ich wieder angstvoll und alleine in die finsteren Räume unterhalb des Erdgeschosses hinabsteigen musste und nicht er.

Mein Bruder verschärfte die Situation, indem er mir von einem bösen Gnom berichtete, der dort unten zwischen Mülleimern, Eierkohlen und übel riechenden, alten Kartoffeln hauste, um seiner Hauptbeschäftigung nachzugehen, der ganzjährigen Bewachung der heiligen Oster- und Weihnachtsschachteln. Nur an einem bestimmten Tag im Jahr wäre er nicht im Keller, dann hätte das schreckliche Ungeheuer, so mein Bruder, „einen Tag Urlaub“, er wusste aber nicht, welcher Tag dies sei. Meine Knie zitterten wie Espenlaub, aber ich hatte immer Glück, wenn ich in Windeseile einen dieser Kartons ergriff und hastig die Stufen wieder hochlief, um ins sichere, helle Treppenhaus zu gelangen, denn der böse Geist, dieses schwarze Schreckgespenst, war nie da.

Ich erinnere mich allerdings daran, dass ich in einem Jahr nochmal in den Keller musste, weil ich in hastiger, ängstlicher Eile versehentlich den falschen Karton erwischt hatte: „Der Christbaumschmuck passt doch nicht zum Osterfest!“, sagte meine Mutter und schickte mich zurück in die dunkle Hölle. Es ging aber wieder gut, der Unhold dort unten hatte wohl tatsächlich an diesem Tag Urlaub oder er schlief noch, weiß man’s?

Was ich nie verstanden hatte war, warum ausgerechnet so eine böse Kreatur diese christlichen Gegenstände wie Weihnachtskugeln oder bemalte Holzhasen bewachen sollte. Ich traute mich nicht, meine Eltern zu fragen, weil ich befürchtete, noch mehr über dieses Ungeheuer im Keller zu erfahren, was ich aber unter keinen Umständen wollte.

So zogen viele Jahre ins Land. Eines schönen Tages, ich hatte nun selber ein Kind, musste ich für meinen fünfjährigen Sohn zwei große Schachteln besorgen, weil er sein selbstgebasteltes Dekorationsmaterial für Weihnachten und Ostern darin separat aufbewahren wollte. Die großen Kartons lagerte er übers Jahr unter seinem Bett. Eine tolle, raumsparende Idee des kleinen Mannes. Unsere ganze Wohnung war übrigens mit Möbeln, Kisten und Regalen übervoll, aber doch strahlte sie eine herzenswarme Gemütlichkeit aus. Ich weiß noch genau, wie ich damals dem Vermieter vor Freude fast um den Hals gefallen bin, als er mir eröffnete, dass zur Wohnung kein Keller gehöre.

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