Veranstaltung Eine ukrainische Band in Wuppertal: Ungezähmte Performance für den guten Zweck

Das „Prime Orchester“ aus der ukrainischen Stadt Charkiw brachte eine hochkarätige Bühnenshow in die Stadthalle.

Die Musiker aus der Ukraine schafften es mehrfach, das Publikum von den Stühlen zu holen.

Die Musiker aus der Ukraine schafften es mehrfach, das Publikum von den Stühlen zu holen.

Foto: Andreas Fischer

„Bombastisch“ – der Begriff trifft es noch immer nicht. Die Bühnenshow des „Prime Orchesters“ aus der ukrainischen Stadt Charkiw, die jetzt in der Stadthalle das Publikum regelrecht von den Stühlen riss, war atemberaubend. Eine unfassbare Leistungsschau hochkarätiger Musiker – Dynamik, starke Rhythmen in einer Kombination klassischer Orchester-Instrumente und elektronischer Instrumente – ließ die Arkaden im Innenraum des historischen Gebäudes donnernd widerhallen. Starke Strahler rasterten über das Publikum in der Stadthalle, Rauchschwaden waberten flickernd, bläulich leuchtende Blitze zuckten. Die Geschichte zum Konzert erzählte eine Video-Installation, in der sich Spacemen, bizarre Skulpturen, flirrende Orbit-Impressionen und rasant rotierende Saturn-Ringe mit funkelnden Kaleidoskopen, Sternschnuppenregen und farbig explodierenden Wilson-Wolken abwechselten.

Das altehrwürdige Gebäude hatte sich durch eine Licht-, Sound- und Medieninstallation in einen besonderen Veranstaltungsort verwandelt. Die faszinierte gerade durch den Gegensatz von historischer Architektur und rasend-ekstatischer Interpretationen zahlreicher Hits der Pop- und Rockmusik in Dauerschleife. Eine Höchstleistung der Ensemblemitglieder, die das Publikum immer wieder spontan zu Begeisterungsbekundungen animierte. Die Gäste dirigierten an ihren Plätzen mit, winkten den Streichern zu, die ihre Geigenbögen grüßend zum Publikum richteten, klatschten mit dem Chor im Takt. Schon am Ende des ersten Teils des außergewöhnlichen Konzerts gab es „Standing Ovations“ für die Vollblutmusikerinnen und -musiker und die kraftvollen Solo-Stimmen in Steampunk-Kostümen. Scheinbar wild und ungezähmt performte das Ensemble, entfesselte sich selbst in dröhnend-sinfonischen, klirrend-lyrischen, fulminant-rockigen Passagen. Hier klassisch-filigran der Einsatz der Streicher, der Akzent der Triangel, der melancholische Ton des Saxophons. Dort schluchzend, jaulend, kreischend die E-Gitarren mit Fuzz, Overdrive und Distortion dort.

Das Repertoire reichte
von Metallica bis Queen

Sprühendes Bühnenfeuer, silberne Luftschlangen und die Finger des Percussionisten trommelten in wahnwitziger Geschwindigkeit auf dem Fell der Bongos. Das Konzert des ukrainischen Prime Orchesters für einen guten Zweck war mit einem Auftritt beim Grand Prix de la Chanson in Dauerschleife vergleichbar. Hits der Rockbands ACDC, Metallica oder Depeche Mode gehörten ebenso zum Repertoire wie die Klassiker wie Queens Bohemian Rhapsodie, ihr Titel „Radio Ga Ga“. Zu den hochdynamischen, sinfonischen Interpretationen der „Rock Sympho Show“ gehörte auch die Titelmelodie zu „Fluch der Karibik“. Die monumentale Begegnung der Segelschiffe „Black Pearl“ und „Flying Dutchman“ visualisierte das Machtspiel der beiden Kommandeure und Schurken eindrucksvoll vor fantasy-animierter Kulisse.

Eine Gruppe in Wuppertal lebender Ukrainerinnen und Ukrainer war an einem Stand im Foyer der Stadthalle engagiert dabei, über die Hilfsprojekte, die das Orchester unterstützt, zu informieren, Spenden entgegenzunehmen und sich dafür mit CDs, Postern und Wimpeln zu bedanken. Zu ihnen gehört auch Nadija, die seit einem Jahr als Kriegsflüchtling in Wuppertal lebt. „Ich bin über die sozialen Medien auf das Konzert in der Stadthalle aufmerksam geworden. Es wurden Helferinnen und Helfer gesucht. Da habe ich mich gemeldet“, erläutert Nadija und ist glücklich über die Spenden, die den vom Krieg betroffenen Menschen in ihrer Heimat helfen. Irina Stern stammt auch aus der Ukraine, aus Charkiw, der Heimatstadt des „Prime Orchester“. Sie lebt aber schon 20 Jahre in Wuppertal, ist hier Mitglied einer Ukraine-Gruppe und übersetzt rund um das Konzert, wo sprachliche Verständigung gewünscht ist. „Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, aber diese Musikshow ist gigantisch“, ist Irina Stern total begeistert. Sie hat sich in Wuppertal dafür eingesetzt, dass das Musikprojekt, das durch ganz Europa tourt, in Wuppertal bekannt gemacht wird.

Medizinisches Material, Krankenwagen, Nahrung für gerettete Tiere wurden in der Vergangenheit von den Einnahmen aus den Konzerten gekauft, in Wuppertal musizierte das Ensemble für Spenden, mit deren Hilfe auch Hilfsmittel für mobilitätseingeschränkte Menschen angeschafft werden sollen.

Das hochkarätige Ensemble aus Charkiw konnte seine Heimat mit Beginn des Krieges verlassen und nutzt jetzt Gelegenheiten, in europäischen Medien ihre Botschaften mitzuteilen: „Wir machen nicht nur Musik, wir erzählen Geschichten. Geschichten darüber, wie wir leben, wie wir lieben, wie wir kämpfen. Wir möchten, dass unsere Zuschauer uns nicht nur zuhören und beobachten, sondern auch, dass sie uns spüren und sich in uns hineinversetzen. Wir wollen, dass unsere Shows nicht nur Unterhaltung sind, sondern auch Inspiration, Unterstützung, Solidarität, eine Mission“, beschreibt der Dirigent des Prime Orchester, Denys Doroshenko.

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