Wuppertal: „Eine Seilbahn ist das Gegenteil eines innovativen Verkehrsmittels“

Wuppertal : „Eine Seilbahn ist das Gegenteil eines innovativen Verkehrsmittels“

Unternehmer Jörg Heynkes hält die Idee einer Seilbahn für veraltet und sinnlos.

Uwe Schneidewind hat recht, wenn er hier an dieser Stelle auf die bemerkenswerte Entwicklung Wuppertals in den letzten Jahren und die Chancen für die Zukunft hinweist. Und ja, als ich vor sechs Jahren erstmals von der Idee einer Seilbahn in Wuppertal hörte, war ich mindestens so begeistert davon wie er. Es erschien als ein Symbol für die Entwicklungsfähigkeit und Tatkraft unserer Gemeinde.

Immer nachdenklicher wurde ich dann in den folgenden Jahren, je mehr ich mich mit dem Projekt im Detail beschäftigt hatte. Seilbahnen sind wunderbare Verkehrsmittel, wenn es darum geht, Skifahrer aus einem Tal auf einen Berg zu bringen, oder tausende Touristen, wie in Koblenz, die täglich vom Tal auf die Burg wollen. Deshalb stehen sie auch seit Jahrzehnten an solchen Orten.

In Wuppertal, und da irrt Uwe Schneidewind das erste Mal, geht es aber nicht um den Bau eines solchen touristischen Highlights und auch nicht um den Bau eines großartigen Symbols, sondern um die Einbindung einer Seilbahn in ein komplexes Nahverkehrssystem, in dem diese für Jahrzehnte Menschen transportieren und damit Geld verdienen soll. Dieses System soll den Bürgern dieser Stadt eine zuverlässige, komfortable und umweltfreundliche Mobilität ermöglichen. Deswegen sind die vielen Nachteile, die den zehntausenden Menschen in der südlichen Stadthälfte durch die mit der Seilbahn verbundenen Kürzungen der Busverbindungen drohen, für einen global agierenden Forscher womöglich trivial, für die betroffenen Bürgerinnen aber eben nicht.

Eine Seilbahn ist auch kein innovatives Verkehrstool, sondern das genaue Gegenteil. Denn die Technologie ist uralt und vor allem ist sie unflexibel. Gerade einmal drei Ein- und Ausstiege würde diese Seilbahn haben, das genaue Gegenteil eines modernen und flexiblen Nahverkehrssystems, welches den Menschen möglichst viele Zugänge auf einer Strecke verschafft und jederzeit städtebaulichen oder gesellschaftlichen Veränderungsprozessen flexibel angepasst werden kann. Deshalb gibt es auch in Wuppertal Nahverkehrsbusse.

Aber all diese und viele andere Sachargumente sind nicht entscheidend. Entscheidend ist dieses: Es hatt keinen Sinn mehr! Warum? Weil unsere Gesellschaft sich gerade am Beginn des umfassendsten technologischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesses in der Geschichte der Menschheit befindet. Dank Künstlicher Intelligenz werden aktuell die technologischen Vorraussetzungen geschaffen, dass Fahrzeuge schon in wenigen Jahren autonom fahren werden. Dieses löst eine Revolution in der Welt der Mobilität aus, die erkennbar dazu führen wird, dass Individualverkehr und Nahverkehrssysteme, wie wir sie heute kennen, verschmelzen werden.

Die Mobilitätsleistung der ca. 180 000 PKW in Wuppertal, die heute im Schnitt 23,5 Stunden am Tag im Weg stehen, und die der Dieselbusse wird dann von ca. 25 000 „Schwarmmobilen“ erledigt. Räume auf Rädern, die uns die Möglichkeit bieten, während der Fahrt das zu machen, wonach uns jeweils ist. Entscheidender Unterschied zum Auto heute, die stehen nie rum. Alles auf Knopfdruck und völlig barrierefrei, für jedermann. Ob Kind oder blind, jeder wird diese Mobilität auf Knopfdruck genießen können. Eine Tür-zu-Tür-Mobilität, die umweltfreundlich, leise, ohne Abgase, sicher und viel preiswerter sein wird, als das, was wir heute als Besitzer von Autos kennen. Mit unglaublichen Vorteilen für diese Gesellschaft, denn wir sparen Ressourcen und Geld, gewinnen Raum zur Entwicklung, da hunderttausende Parkplätze überflüssig sein werden.

Denken Sie sich für einen Augenblick Wuppertal ohne parkende Autos. Ich weiß, viele denken, eine solche Entwicklung würde noch Jahrzehnte dauern, aber in einer Zeit der exponentiellen technologischen Entwicklung wird es anders kommen. In zehn Jahren wird diese Form der „Schwarmmobilität“, wie Uwe Schneidewind sie ja auch kommen sieht, in unseren Städten an Realität gewinnen.

Ungefähr zeitgleich mit dem Augenblick, in der diese Seilbahn womöglich in Betrieb genommen würde. Aber wer würde diese dann noch nutzen? Zu diesem Zeitpunkt werden die Menschen vor der Haustür in ein Schwarmmobil steigen und am Zielort dieses wieder verlassen. Warum sollten sie in ihrer täglichen Mobilität dann unterwegs von Cronenberg nach Elberfeld in eine Seilbahn umsteigen? Die Antwort ist sehr einfach: Sie werden es nicht tun, weil es keinen Sinn mehr hat.

Wir brauchen heute keine Denkmäler für Stadtwerkechefs oder Politiker, sondern ein zeitgemäßes Mobilitätskonzept für ganz Wuppertal, in dem Fußgänger und Fahrradfahrer fair und gleichberechtigt behandelt werden. 85 Millionen Euro für ein unsinniges Projekt auszugeben, ist aus Sicht eines Unternehmers und Steuerzahlers absurd und wäre kein Aushängeschild für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt.

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