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Ein Wuppertaler Landwirt übt den Milchboykott

Ein Wuppertaler Landwirt übt den Milchboykott

Schweren Herzens schüttet Landwirt Jürgen Stöcker täglich 1000 Liter weg.

Wuppertal. Die Diskussion um die Milchpreise und den Lieferboykott beschäftigt viele Wuppertaler - selbst wenn die Teilnahme an der Aktion im Stadtgebiet die Ausnahme ist: Neben einem Kollegen, der einen Teil Milch einbehält, zieht Landwirt Jürgen Stöcker zu 100 Prozent die Konsequenzen - und schüttet seit Sonntag täglich gut 1000 Liter Milch weg.

"Schweren Herzens", wie der 44-jährige Hofbesitzer am Einern im Gespräch mit unserer Zeitung betont. "Wir haben lange genug auf die Probleme aufmerksam gemacht. Jetzt ist es an der Zeit, ein Zeichen zu setzen."

60 Milchkühe hält der Wuppertaler Landwirt auf seinem Hof, den er seit zehn Jahren führt. "Wir haben uns in der Familie reiflich überlegt, ob wir uns am Boykott beteiligen", fügt Stöcker hinzu. "Hier geht es um unser wirtschaftliches Überleben. Milch ist unsere Haupteinnahmequelle." Auch Stöcker berichtet von einer massiven Steigerung der Produktionskosten - etwa beim Futter und bei der Energie. Das sei beim aktuellen Preisniveau nicht länger aufzufangen.

"Die Entscheidung, sich am Boykott zu beteiligen, liegt bei jedem Unternehmen selbst und wird respektiert", erklärt Martin Dahlmann, Vorsitzender der Kreisbauernschaft. Im Stadtgebiet gebe es derzeit etwa 15Milchbetriebe. Die Mehrheit der Landwirte habe sich gegen die Teilnahme am Boykott entschieden.

Fest stehe aber auch, dass es "so nicht weitergehen kann." Die Preise stehen, so Dahlmann, "unter großem Druck", und gerade die Politik sei gefordert, in der Milchwirtschaft "einen Strukturwandel nicht geahnten Ausmaßes" abzuwenden. Auch in Wuppertal habe sich mancher Landwirt wegen der schlechten Ertragslage bei der Milch ein zweites Standbein aufgebaut.

Wenn, dann könne man dem Handel nur bedingt einen Vorwurf machen, erklärt Akzenta-Chef Hans Löbbert auf WZ-Nachfrage: Im Lebensmittelhandel sei der Konkurrenz- und Preisdruck nach wie vor groß.

Mit Milchprodukten sei kaum etwas zu verdienen, sagt Löbbert und liefert ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Für Butter, die der Händler selbst zunächst für 70 Cent und nach dem Preissprung dann für 1,10 Euro kaufte, zahlte der Endverbraucher letztendlich 79 Cent beziehungsweise 1,19 Euro.

Von diesen ohnehin schon geringen Spannen müsse man dann noch die Mehrwertsteuer und andere Kosten abziehen. Löbbert: "Wir sind es also nicht, die sich die Taschen füllen." Von einem Versorgungsengpass könne keine Rede sein. "Wenn die Milchbauern nicht von ihrer Arbeit leben können, stimmt etwas im System nicht."