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Ein ungleiches Wuppertaler Brüderpaar im „Heiligen Krieg“

Ein ungleiches Wuppertaler Brüderpaar im „Heiligen Krieg“

Warum zwei junge Vohwinkeler zu gewaltbereiten Islamisten wurden — eine Spurensuche in ihrer Vergangenheit.

Wuppertal. Es war im Oktober 2010: Damals soll der 20 Jahre alte in Wuppertal aufgewachsene Deutschtürke Bünyamin E. beim Angriff einer US-Drohne auf ein Terror-Camp im pakistanischen Mir Ali ums Leben gekommen sein.

Der drei Jahre ältere Bruder Emrah E. — wie am Dienstag berichtet, hat die Bundesanwaltschaft Terroranklage gegen den 23-Jährigen erhoben — selbst soll der Familie in Vohwinkel von Pakistan aus die Todesnachricht übermittelt haben.

Freunde schalteten entsprechende Todesanzeigen. Ein erstes Schlaglicht auf ein Wuppertaler Brüderpaar, das als mutmaßliche Al-Kaida-Terroristen immer wieder die Sicherheitsbehörden in Deutschland beschäftigte.

So wurde zunächst der Tod des 20-Jährigen Bünyamin E. offiziell nicht bestätigt. Das hat sich längst geändert. Immer wieder wurde in Medienberichten der Finger in die Wunde gelegt: In Deutschland ist das gezielte Töten eines Terroristen, der nicht Teil eines bewaffneten Konflikts ist, nach deutscher Rechtsauffassung staatlicher Mord — mithin verboten. Ermittlungsergebnisse zum Tod des Bünyamin E. sind bislang rar. Fakt ist: Seine kurze Lebensgeschichte ist deutlich unauffälliger, als die seines älteren Bruders Emrah.

Bis 2006 besuchte Bünyamin die Hauptschule in Vohwinkel. Mit seinem Schulabschluss schrieb sich E. 2007 an der Abendrealschule am Hohenstein ein. Bis 2009 soll er dort gelernt haben — bis zur Mittleren Reife, wohnte in Vohwinkel — nah bei den Eltern.

Emrah E. dagegen war zu dieser Zeit schulisch gescheitert und bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten, landete nach einer Verurteilung wegen Raubes im Gefängnis. In jener Zeit soll er vom Gangsta-Rapper zum radikalen Islamisten geworden sein. Nach Recherchen der „taz“ soll sich Emrah E. danach schon in Vohwinkel äußerlich radikal verändert haben — statt im Disco-Outfit trat er mit Gebetsmütze, langen Gewändern und Bart auf.

Wahrscheinlich zog er den jüngeren Bruder in seinen Bann. Beide hatten in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Velbert gearbeitet. Der Chef dort bezeichnet Bünyamin als „zuverlässig, still, schüchtern“. Emrah E. dagegen habe sich aggressiv geäußert und musste gehen. Zu dieser Zeit soll das Brüderpaar gemeinsam die Wuppertaler Moschee-Gemeinde „Schabab an-Nur“ besucht haben. Emrah E. verschwand dann in Richtung Pakistan, soll unter anderem als Fahrer für Al Kaida fungiert haben.

Sein jüngerer Bruder sei ihm gefolgt. Schon damals sollen Telefongespräche, die Emrah E. mit der Wuppertaler Heimat geführt hat, von Terrorfahndern mitgehört worden sein. Darin sei von bevorstehenden Dschihad-Aktionen — mit Beteiligung Bünyamins — die Rede gewesen.

Emrah E. habe bei Anrufen in der Wuppertaler Heimat auch immer wieder über Geldnöte geklagt. Wie berichtet, soll er einen weiteren Bruder in Wuppertal aufgefordert haben, ihm Geld zu schicken — er solle zur Not einen Supermarkt überfallen. Laut Anklage blieb es bei dieser Aufforderung. Ob gegen den dritten Bruder ermittelt wird, kommentiert die Bundesanwaltschaft nicht.

Ob es so etwas wie ein Geständnis des 23-Jährigen gibt, wird sich wohl erst im Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main zeigen. Nach Medienberichten soll Emrah E. schon vor Monaten dem BKA angeboten haben, auszupacken — gegen Geld und Straffreiheit.

Einen entsprechenden Deal gab es damals offenbar nicht. Stattdessen gab das Innenministerium Terroralarm. Über die Zulassung der Anklage gegen Emrah E. ist noch nicht entschieden.